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Bericht im PDF-Format
Was ist das für ein Tod, bei dem der Mensch noch lebt?
Jürgen Meyer, Vater von Lorenz
Der Philosoph Hans Jonas, der die Anfänge der
Organtransplantation in den USA erlebt hat, bezeichnete diese neue
Medizin später als Vivisektion und lehnte sie als inhuman ab.
Nachdem er vergeblich gegen die Gleichsetzung von "Hirntod" mit dem
Tod des Menschen gekämpft hatte, sagte er, dass wohl nur die
Zeugnisse von Betroffenen, speziell von Müttern, ein Umdenken
bewirken könnten.
Mir fällt es nicht leicht, über die Organentnahme bei unserem
Sohn Lorenz zu berichten. Das ist ein traumatisches Geschehen. Das
Trauma kommt allerdings nicht daher, dass ich nicht gelernt hätte,
mit dem Tod unseres Kindes zu leben, wie manchmal mehr oder weniger
versteckt unterstellt wird.
Über das Kind, den Unfall, den Tod und die Zeit danach kann ich
gut sprechen. Das half mir sogar sehr in der Trauer. Ganz anders
verhält es sich mit der Organentnahme. Die hatte ich verdrängt,
darüber hatte ich Jahre nicht geredet - noch nicht einmal mit
meiner Frau. Ich hatte mich geschämt und ich schäme mich noch
heute, dass ich mich habe manipulieren und beim Sterben des Kindes
wegschicken lassen, statt es zu begleiten bis zuletzt.
Einige sagen, so etwas komme heute in ihren Krankenhäusern nicht
mehr vor. Aber das stimmt nicht. Die Methoden der Beeinflussung
sind nur verfeinert und optimiert worden - zur Gewinnung von mehr
Organen. Die Ausgangssituation ist gleich geblieben und sie wird
sich nicht ändern, weil die Organtransplantation auf Kosten der
liebevollen Begleitung im Sterben geht. Auch die Schocksituation,
in der sich die Angehörigen befinden, lässt sich nicht wegzaubern.
Sie wird, wie wir von Berichten über Eschede oder Kaprun wissen,
ohnehin nur bei Katastrophen mit vielen Toten genügend
berücksichtigt. Dass für alle Eltern, die plötzlich ein Kind
verlieren, eine keinesfalls geringere Katastrophe eingetreten ist,
wird meist vergessen.
Wir waren nach dem Unfall im Schock und nicht in der Lage eine
eigene Entscheidung zu treffen. Wir hätten damals alles getan, wozu
wir aufgefordert worden wären. So geht es leider den meisten
Betroffenen. In dieser Ausnahmesituation, in der man das Geschehen
noch lange nicht begreift und in der der Verletzte lebendig vor
einem liegt, mit Organtransplantation überrascht zu werden,
empfinde ich als Manipulation und Grausamkeit.
Ich wollte doch bei dem Kind sitzen, ihm die Hand halten, es
liebevoll begleiten.
- Statt dessen die Frage, ob wir Organe spenden wollten, die
Aufzählung aller benötigten Organe, keine Information zum
schrecklichen Ablauf der Organentnahme bei fortdauernder
Beatmung.
- Statt dessen habe ich habe mir über die vorgelegten Fragen den
Kopf zerbrochen, bin herum gerannt, habe telefoniert - war unfähig,
klare Gedanken zu fassen.
Ich habe dann die Quälerei mit der Zustimmung in die
Nierenentnahme beendet, weil ich endlich in Ruhe gelassen werden
wollte, weil ich ganz für unser Kind da sein wollte.
Nach der Missachtung der Zusagen, das Kind auf der Station
aufzubahren, und dem Anblick des entstellten Kindes kamen Zweifel
auf, ob wirklich nur die Nieren entnommen worden sind. Diese
Zweifel habe ich sofort wieder verdrängt. Erst viel später
verlangten wir die Unterlagen vom Krankenhaus. Die gab es angeblich
nicht.
Die Antwort nach jahrelangem Schriftwechsel lautete: Weil die
Entnahme keinen Patienten mehr beträfe sondern einen Toten, sei sie
nicht in der Krankenakte dokumentiert. Andere Dokumente waren
widersprüchlich und unvollständig.
Trotzdem zeigten die lückenhaften Unterlagen, dass selbst die
Ärzte nicht an den "Hirntod" als Tod des Menschen glaubten.
Wie wenig an den "Hirntod" als Tod des Menschen geglaubt wird,
zeigt auch dem Umgang mit Narkose- und Schmerzmitteln. Einige Ärzte
geben beides, andere nur eins davon oder überhaupt nichts. Selbst
der Umgang mit Angehörigen von "Hirntoten" ist unterschiedlich, je
nachdem, ob brauchbare Organe vorhanden sind oder nicht. Bei einem
Kind, dessen Organe durch eine Infektion unbrauchbar waren, wurde
den Eltern gesagt: "Bleiben Sie bei Ihrem Kind, es lebt noch, es
versteht Sie irgendwie, begleiten Sie es bis zuletzt, das hilft
später."
Im selben Krankenhaus wurde bei einem anderen Kind mit brauchbaren (transplantablen) Organen gesagt: "Das Kind ist tot, da sind keine Empfindungen und Wahrnehmungen mehr, das einzige, was Sie noch tun können, ist zu entscheiden, ob Sie einem anderen mit einer Organspende helfen wollen oder nicht. Sie können ruhig nach Hause gehen, obwohl der Leib noch lebendig ist." - Wie bei uns!
Ich jedenfalls würde nach all den schmerzlichen Erfahrungen nie
mehr ein Kind im Sterben verlassen.
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