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Falsche Entscheidung im Schock
Renate Focke
Mein Sohn hatte im Herbst 1997 einen Unfall. Seine Verletzungen
waren so schwer, dass er noch am Unfallort künstlich beatmet werden
musste. Im Krankenhaus wurde er am Kopf operiert, aber die
Gehirnblutung hatte unwiderruflichen Schaden angerichtet. Er lag im
Koma. Wir, das heißt seine Frau und meine Tochter, mein Mann und
ich, erfuhren schon am Nachmittag des folgenden Tages, dass er
keine Überlebenschance hatte. Nachdem wir diese Nachricht von der
ihn behandelnden Ärztin bekommen hatten, sagte mein Mann beim
Weggehen: "Dann wird bestimmt die Frage nach Organspende gestellt
werden." Dieser Satz hat mich erschreckt, ich verdrängte ihn aber.
Der Abschied von meinem Sohn, der in ein künstliches Koma versetzt
worden war, stand bevor und brauchte jede vorhandene Kraft.
Zwei Tage später sprach die Oberschwester der Intensivstation
uns an und sagte: "Sie haben eine gute Entscheidung getroffen mit
der Organspende." Ich sagte: "Aber wir haben uns doch gar nicht
entschieden." Es stimmte, wir hatten nicht darüber gesprochen, auch
nicht mit unserer Schwiegertochter. Wir redeten darüber, und sie
sagte, er habe sich für Organspende ausgesprochen, auch wenn er
keinen Spenderausweis hatte.
Jetzt waren die Weichen gestellt. Man informierte uns, dass die
Medikamente, die das künstliche Koma herbeigeführt hatten,
abgesetzt werden müssten. Dann könne man durch Tests den Hirntod
feststellen. Wir saßen, so oft es möglich war, an seinem Bett,
hielten seine Hand und versuchten ihm mit aller Kraft zu sagen, wie
sehr wir ihn liebten und vermissen würden. Sein Körper sah immer
aufgeschwemmter aus.
Am Abend des vierten Tages nach dem Unfall warteten wir im
Vorraum darauf, wieder zu unserem Sohn gehen zu können. Ein junger
Arzt kam und sagte zu uns: "Kommen Sie bitte. Es könnte zu Ende
gehen." Wir saßen bei unserem Sohn am Krankenbett. Ich sagte
unhörbar zu ihm: "Du schaffst es, bitte stirb." Eine
Krankenschwester kam dann, hantierte wortlos an ihm herum und ließ
der Einfachheit halber eine Kanüle in seinem Arm stecken. Ich hatte
den Impuls, ihm die Schläuche herauszureißen. Natürlich habe ich es
nicht getan. Von nun an war klar, dass es nicht mehr um sein Wohl
ging, sondern allein um die Erhaltung seiner Organe.
Am nächsten Morgen protestierte unsere Tochter heftig, weil ihr
klar wurde, dass ihr Bruder als Organbank behandelt wurde. Wir vier
setzten uns zusammen und entschieden, dass wir einer Organentnahme,
seinem mutmaßlichen Willen entsprechend, nur dann zustimmten, wenn
sie noch an diesem Tage durchgeführt würde. Das teilten wir den
Ärzten mit. Zu diesem Zeitpunkt spürte ich wie meine Tochter große
innere Vorbehalte gegen die Organentnahme, konnte sie aber nicht
ausdrücken.
Unser Sohn bekam fast hundertprozentigen Sauerstoff, weil seine
Lunge zu versagen drohte. Kurz vor der zweiten Hirntodfeststellung
sahen wir ihn zum letzten Male lebend. Er war auf den Bauch gedreht
worden, um seine Lunge zu entlasten, und war kaum wiederzuerkennen.
Um zehn Uhr abends wurde sein Tod festgestellt. Dem Arzt, der die
zweite Hirntoddiagnose gestellt hatte, zitterten die Hände, als er
uns seine Diagnose mitteilte. Auch für ihn, so schien es mir, war
eine Grenze überschritten worden.
Ein paar Tage später sahen wir unseren Sohn zum letzten Mal in
der Leichenhalle, bevor der Sarg geschlossen wurde. Er sah fremd
aus und hatte keinen friedvollen Gesichtsausdruck, wie ich ihn von
anderen Toten kannte. Stumm vor Entsetzen habe ich mich nicht
richtig von ihm verabschiedet. Am Tag vor der Beerdigung erreichte
uns ein Brief von der Transplantations-Koordinatorin. Sie schrieb,
dass die Transplantationen erfolgreich verlaufen seien und es den
vier Empfängern gut gehe. In dieser Zeit spürte ich Wellen von
Dankbarkeit, die von den anonymen Patienten und ihren Familien
ausgingen.
In den Tagen vor der Beerdigung und lange Zeit danach war alles
unwirklich. Ich wusste nicht, wie ich weiterleben sollte, während
mein Sohn tot war. Die Gedanken an die Organentnahme rückten dabei
völlig in den Hintergrund. Immer wieder sah ich die Bilder vom
Unfall vor mir, wie er mit dem Kopf an die Windschutzscheibe schlug
und wie er vom Auto mitgeschleift wurde. Ich hörte seinen
Entsetzensschrei. Morgens beim Aufwachen nach bleiernem Schlaf war
der erste Gedanke, der mich fast erschlug: "Er ist tot."
Erst lange Zeit später drängten sich Gedanken an die
Organentnahme ganz nach vorn; ich hatte Alpträume von seinem
Sterben auf dem OP-Tisch und durchlebte in meinem Inneren die
Ereignisse auf der Intensivstation wieder und wieder. Seitdem hat
mich der Gedanke daran nicht losgelassen. Ich sah mir Filme an, die
sich mit Organtransplantationen beschäftigten, und las Artikel
darüber. Wut und Verzweiflung stiegen in mir hoch, wenn nur über
die Vorteile von Transplantationen gesprochen wurde und die
Schattenseiten nicht genannt wurden. Die "Organspender" und ihre
Angehörigen wurden oft noch nicht einmal erwähnt.
Etwa vier Jahre nach seinem Tod wurde meine Auseinandersetzung
mit der Organspende so belastend, dass ich etwas unternehmen
musste. Ich schrieb einen Brief an die
Transplantations-Koordinatorin, die uns in der Klinik nach dem
mutmaßlichen Willen unseres Sohnes gefragt hatte. Über diesen Brief
hatte ich wochenlang nachts gegrübelt, ihn immer wieder
umformuliert. Beim Schreiben wurden mir meine Gefühle klar und auch
die Zielrichtung. Ich hatte mir die Seele aus dem Leib geschrieben,
bekam aber keine Antwort. Der Eindruck, dass meine Erfahrungen
keine Rolle spielten und nicht gefragt waren, ließ mich in ein
tiefes Loch fallen. Erst ein Jahr später hatte ich die Kraft, bei
der Koordinatorin anzurufen. Dann erfuhr ich von ihr, warum sie
sich nicht gemeldet hatte.
Vorher hatte ich schon mit meiner Familie über meine Probleme
mit der Zustimmung zur Organentnahme geredet, und meine Tochter
hatte im Internet Berichte von Eltern gefunden, denen es genauso
ging. Es war eine unglaubliche Erleichterung, meine Erlebnisse und
Gefühle mit anderen Eltern teilen zu können. Später stand ich dann
vor der Frage, ob ich auch mit meinen Erfahrungen nach außen gehen
wollte. Ich habe mich mit dem Rückhalt meiner Familie dafür
entschieden, denn wenn nicht wir Angehörigen über die
einschneidenden Auswirkungen berichten, die eine Organentnahme auf
das Abschiednehmen und die Trauer hat, wer soll es dann tun?
Zu spät ist mir klar geworden, dass die Organentnahme bei meinem
Sohn meine tief verwurzelten inneren Bedürfnisse verletzt hat:
Zu meinem Menschenbild passt nicht, dass ein Sterbender auf den
OP-Tisch geschnallt wird. Gerade dann, wenn er die liebevolle
Begleitung seiner Familie braucht, muss diese ihn den
explantierenden Ärzten überlassen.
Es gibt Schlimmeres als den Tod. Wie wir mit wehrlosen
Sterbenden umgehen, ist schlimmer als der Tod. Der Respekt vor dem
Einzelnen wird zurückgedrängt zugunsten des
Nützlichkeitsprinzips.
Man sollte nicht von Organspendern sprechen, sondern von
Sterbensopfern, da sie auf ein geschütztes Sterben verzichten
müssen, wenn ihnen in einer großen Operation Organe und andere
Körperteile aus dem bis zum Schluss lebendigen Leib geschnitten
werden.
Den Angehörigen von Patienten mit Hirnversagen wird
Unmenschliches zugemutet. In einer existenziellen Notsituation
sollen sie eine weitreichende Entscheidung treffen, deren Folgen
sie nicht überblicken können. Zusätzlich zur Trauer müssen sie sich
mit Schuldgefühlen auseinandersetzen, wenn sie gegen innere
Widerstände einer Organentnahme zugestimmt oder sich danach über
den Ablauf einer Organentnahme informiert haben.
Wenn wir bei unserem Sohn nicht am Anfang das Thema Organspende
angesprochen hätten, hätte man uns nach der Hirntod-Feststellung
damit konfrontiert. Im Schockzustand und uninformiert eine
Entscheidung treffen zu müssen - dieses Dilemma kann auch nicht
durch die Widerspruchslösung aufgehoben werden. Das würde bedeuten,
dass jeder ungefragt als Organspender angesehen und behandelt wird,
der nicht vorher schriftlich widersprochen hat, und dass die
Angehörigen gar nicht gefragt werden müssen.
Die einzige Möglichkeit, um die Würde von "hirntoten" Sterbenden
zu wahren, ist die enge Zustimmungslösung. Bei einer Zustimmung zur
Organentnahme verzichtet der "hirntote" Patient auf ein geschütztes
Sterben zugunsten von anderen Schwerkranken. Dieses Opfer kann nur
derjenige bringen, der vorher umfassend über alle Eingriffe in sein
Sterben informiert worden ist und dessen Angehörige dem zustimmen
können.
Ich werde nach meiner Erfahrung keiner Organentnahme bei
Angehörigen oder bei mir zustimmen, und ich bin keine
Organ-Empfängerin. Denn Menschen im Sterben brauchen Begleitung
statt Verwertung.
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