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Zwischen Nächstenliebe und Kannibalismus - Organtransplantation aus der Sicht einer Angehörigen
Renate Greinert
Einleitung
Meine Damen, meine Herren, ich bin Mitglied der Initiative:
"Kritische Aufklärung über Organtransplantation", einer Initiative,
gegründet von Eltern, die ihre Kinder zur Organspende freigegeben
haben. Völlig unaufgeklärt haben wir uns, ohne die Tragweite
unserer Entscheidung übersehen zu können, von Medizinern in eine
Situation hineinführen lassen, in der es nicht mehr um ein
friedvolles und behütetes Sterben unserer Kinder ging, sondern um
das Überleben Dritter. Als uns klar wurde, wozu wir ja gesagt
hatten, hielten wir es für notwendig, andere Eltern über das
aufzuklären, was wir nicht gewusst hatten. Wir möchten ihnen
mitteilen, welche Probleme uns daraus erwuchsen und was eine
Organspende tatsächlich alles beinhaltet. Es ist ein sehr intimer
und schmerzlicher Bereich unseres Lebens, zu dem man eigentlich
Fremden keinen Zugang gewähren möchte, aber wenn wir betroffenen
Eltern nicht darüber reden, diskutieren die Mediziner die
Organspende weiter nur aus dem Blickwinkel der Machbarkeit und der
Möglichkeiten.
Organspende rettet Leben, Organspende ist ein Akt der
christlichen Nächstenliebe, die über den Tod hinausgeht, so werben
Transplantationsmediziner und Organempfänger, und so werben viele
gedankenlos mit, weil keiner mehr sterben will. Und doch ist die
Vorausetzung für die Transplantationsmedizin das Sterben eines
Menschen, der in den Minuten, Stunden oder Tagen seines Sterbens,
wenn die Lebenskraft für ihn selber nicht mehr ausreicht, noch
genügend Leben für andere in sich hat. Ungenannt und unbekannt,
verschwindet er nach der Entnahme seiner Organe im Dunkel. Keiner,
der die Organspende befürwortet, denkt daran, dass ein Mensch
sterbend noch einmal auf den Operationstisch geschnallt wurde,
damit er Spender von lebenden Organen sein konnte. Der
Transplantationsmediziner aber steht im gleißenden Rampenlicht.
"Leben um jeden Preis" steht unsichtbar auf dem Banner, das Arzt
und Transplantierter in den Farben der Nächstenliebe vor sich
hertragen. Die Angst vor der eigenen Sterblichkeit macht blind und
so lassen wir uns von dem Wunsch nach Unsterblichkeit in
ungeheuerliche Begierden und Begehrlichkeiten führen. In der
Forderung, "liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst und Gott über
alles", hat die Nächstenliebe Stabilität. Wie in der
Transplantationsmedizin nur einseitig gebraucht, führt sie
Organspender und Angehörige in eine Einbahnstraße, die in einem
Alptraum endet. Heben wir auch das letzte Gebot auf: "Du sollst
nicht begehren, was Deines Nächsten ist"? C.G. Jung behauptet,
trennt man den Menschen von seiner Kultur und Tradition, muss er an
den Anfang seiner Menschwerdung zurück. Genau diesen Weg gehen wir!
Wir befinden uns durch die Transplantationsmedizin im modernen
Kannibalismus. Der Mensch reißt seinem Gegenüber nicht mehr selber
das Herz aus der Brust und verspeist es zur eigenen Kraftgewinnung,
nein, in der heutigen Zeit legt sich der Mensch auf einen
Operationstisch, schließt die Augen und lässt einverleiben.
Die unvorbereitete Konfrontation mit dem Problem der
Organspende
Am 4. Februar 1985 wurde mein 15jähriger Sohn Christian bei
einem Verkehrsunfall tödlich verletzt. Die Diagnose "schwerstes
Schädelhirntrauma" stand schon an der Unfallstelle fest. Christian
wurde in die Medizinische Hochschule Hannover geflogen, nachdem er
erst an der Unfallstelle, später im Rettungshubschrauber, mit
Elektroschocks mehrfach wiederbelebt wurde.
Meine Familie und ich trafen in der Medizinischen Hochschule
Hannover ein, als Christian bereits auf der Intensivstation lag. Er
wurde beatmet und machte den Eindruck, als ob er tief schliefe. Er
war warm, aus einer Stirnwunde sickerte Blut, an seinem Bett hing
ein Urinbeutel. Die Ärzte auf der Intensivstation machten uns wenig
Hoffnung. Sie versuchten, mit Medikamenten das Hirn zum Abschwellen
zu bringen, sahen aber keinerlei Perspektive für ein
menschenwürdiges Leben.
Wir haben die nächsten Stunden an Christians Bett verbracht und
ich habe auf ein Wunder gehofft. Während dieser Zeit veränderte
sich der Zustand von Christian nicht. Ab und zu wurde ihm Blut
abgenommen oder die Geräte kontrolliert. Nur zur EEG-Ableitung
mussten wir das Zimmer verlassen, keine Erschütterung sollte die
Aufzeichnung beeinflussen. Nach dieser Untersuchung kam der Arzt,
mit dem wir anfangs über Christians Zustand gesprochen hatten, und
erklärte uns, Christian sei nun tot. Er wäre jetzt auch "sauber",
gemeint war, er wäre frei von Medikamentenrückständen. Nun sollten
wir uns überlegen, ob wir ihn zur Organspende freigeben: Herz oder
Leber oder Nieren, eventuell Knorpelmasse würden dann
entnommen.
Ich lehne jede Manipulation an meinem toten Körper ab. Die
Vorstellung, mein Körper wird nach meinem Tode zerteilt, ist für
mich immer mit meinen lebendigen Empfindungsmöglichketten verbunden
gewesen. Ich fühle körperlichen Schmerz, Ausgeliefertsein und
Angst. Deshalb kommt für mich überhaupt nicht in Frage, meinen
Körper der Anatomie zu überlassen. Aber da war die eben
durchlittene Situation mit meinem todkranken Kind und da waren die
drängenden Hinweise des Arztes, dass ein anderes Kind sterben
müsse, wenn wir nicht zustimmen würden. Plötzlich gab es eine
Beziehung, eine Verantwortung für einen anderen Menschen, den wir
gar nicht kannten, dessen Leben nun aber von unserer Entscheidung
abhing. Das abzulehnen, war mir nicht möglich. Hätte ich doch auch
jede Hilfe für meinen Sohn gewollt. Ich konnte mir nur allzu gut
vorstellen, was eine andere Mutter empfinden würde, für deren Kind
Christians Organ Weiterleben möglich machen konnte. Ich hatte so
viele Stunden am Bett meines Sohnes gesessen und auf Hilfe gehofft,
dass ich anderen Müttern, die genauso hofften, Hilfe nicht
verweigern konnte. Mein "Ja" zur Organspende war nur ein "Nein" zu
noch mehr Tod.
Vertrauen zwischen Arzt, Patient und Angehörigen
Ich gab den Kampf um meinen Sohn auf, weil der Arzt sagte,
Christian sei tot. Eine ungeheuerliche Situation: Ich wende mich
von meinem Kind ab, das warm ist, lebendig aussieht und behandelt
wird wie ein Lebender, weil der Arzt sagt, mein Kind ist tot. Ich
musste gegen mein eigenes Empfinden glauben.
In dieser Situation übernehmen die Mediziner eine ungeheure
Verantwortung für alle jene Menschen, die ganz unterschiedlich
durch die Organspende betroffen und miteinander verbunden sind.
Diese Verantwortung ist unteilbar und nicht abtretbar. Sie betrifft
die Angehörigen der Spender und Empfänger, den Organempfänger und
letztlich die gesamte Gesellschaft - uns alle, die mit diesen
Möglichkeiten und ihren Folgen leben müssen. Die
Transplantationsmediziner werden dieser Verantwortung nicht
gerecht.
Wir leben heute in einer Zeit, in der die Menschen dem Mediziner
im existentiellen Krisenfall, in der unmittelbaren Frage nach Tod
und Leben glauben und vertrauen müssen. Die Aussagen des Arztes
geben häufig - entgegen den persönlichen Erfahrungen - den
Ausschlag. Obwohl wir Christian vor einer Minute noch als lebendig
angesehen und sich an seiner Situation für unser Empfinden und
Verstehen nichts geändert hatte, haben wir von den Ärzten keine
Erklärung verlangt, sondern ihnen geglaubt und vertraut. Dieses
Vertrauen wird in der langen Zeit danach auf eine harte Probe
gestellt. Und dieses Vertrauen in die Aussagen der Mediziner in der
Frage der Organspende besteht die Probe nicht.
Ich habe meinen Sohn vor seiner Beerdigung noch einmal gesehen.
Er erinnerte mich an ein ausgeschlachtetes Auto, dessen
unbrauchbare Teile lieblos auf den Müll geworfen wurden. Kanülen
steckten noch in seinen Armen und Händen. Ein Schnitt zog sich von
seiner Kinnspitze bis tief in den Ausschnitt seines Hemdes. Die
Augen fehlten. Christians Schwester hatte ihrem Bruder im
Krankenhaus zum Abschied noch ein Kettchen um den Hals gelegt, und
ich hatte einen Ring dazu gehängt. Wir baten darum, ihm das zu
lassen, als einen letzten Ausdruck unserer Verbundenheit zu ihm.
Jetzt lag die Kette zerrissen neben ihm, der Ring fehlte. Auch
dafür hatten sich Abnehmer gefunden. Zurück bekamen wir nur einen
blauen Müllsack mit Christians Kleidung, die total zerschnitten
war, einem Socken und einem Schuh. Jetzt war er "richtig" tot, er
sah auch aus wie ein Toter: er war kalt, ohne Atem, leblos. Da
wurde mir deutlich bewusst, in welchem Zustand ich Christian im
Krankenhaus zurückgelassen und den Medizinern anvertraut hatte. Ich
hatte den Ärzten einen Menschen anvertraut, der aussah wie lebend,
der warm war und behandelt wurde wie ein Lebender. Ich musste für
mich klären, wozu ich ja gesagt hatte.
Wozu hatten wir "Ja" gesagt ?
Ohne es zunächst begründen zu können, erfasste mich ein tiefes
Mißtrauen gegen die Transplantationsmedizin. Organspende als Akt
der christlichen Nächstenliebe war ein Trugbild, eine
Einbahnstraße. Wir waren bereit gewesen, ein Organ zu spenden,
jetzt erfuhr ich, dass die Mediziner meinem Sohn Herz, Leber,
Nieren und Augen entnommen hatten, man hatte ihm sogar die
Beckenkammknochen aus dem Körper gesägt. Zerlegt in Einzelteile war
er dann über Europa verteilt worden. Er war zum Recyclinggut
geworden.
Wie ein Schlag traf mich die Erkenntnis, dass ich trotz des
Entsetzens, trotz des wachsenden Empfindens, dass man mich in eine
Richtung manipuliert hatten, die ich gar nicht wollte, kein
Argument gegen die Organspende setzen konnte. Meine gefühlsmäßige
Abneigung und mein wachsendes Misstrauen, dass Organtransplantation
etwas anderes beinhaltet, als man uns glauben machen wollte, würde
mich nicht davor schützen, in einer zukünftigen Situation erneut
"Ja" zu sagen, statt "Nein". Immer wieder prallten meine
Erfahrungen und Gefühle, die ich als Mutter von Christian erlebt
hatte, auf die Hoffnungen und Wünsche von Müttern kranker Kinder.
Ich musste mehr über die Transplantationsmedizin erfahren, um
entweder meine Entscheidung doch bejahen zu können oder Argumente
für ein "Nein" zu finden.
Auf der Suche nach Informationen
In den folgenden Jahren sammelte ich jede Information zur
Transplantationsmedizin. Auf der Suche nach Antworten versuchten
besonders die Transplantationsmediziner der Medizinischen
Hochschule Hannover meine Zweifel und kritischen Fragen damit
abzuwehren, dass sie mich für "zu betroffen" erklärten, um klar
denken zu können.
Um mich mundtot zu machen, wurde mir mit gerichtlichen Schritten
gedroht. Man schickte mir Unterlassungsklagen zu, in denen ich mich
verpflichten sollte, für jede öffentliche Stellungnahme zur
Organspende meines Sohnes 1000 DM an das Deutsche Rote Kreuz zu
zahlen. Ohne meine Familie, die sich davon nicht einschüchtern
ließ, die mir half, persönliche Trauer und berechtigte Kritik
voneinander zu trennen, hätte ich den Kampf um Aufklärung und
Verstehen aufgegeben. Ein Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen
Zeitung hatte eine Lawine von Kontakten zu den Medien, aber auch zu
Angehörigen von Organspendern zur Folge. Ich war gar kein
Einzelfall, wie mir eingeredet werden sollte. Alle diese
Angehörigen waren, wie ich, unaufgeklärt oder falsch informiert in
die Organentnahme manipuliert worden.
Frau N. erzählte, wie sie immer wieder bedrängt wurde, die
Organe ihrer Tochter möglichst schnell zur Organspende freizugeben,
damit sie ihre Qualität behielten. Falls sie sich weigere, blieben
die Geräte, an die ihre Tochter angeschlossen war, angestellt. Ein
unerträglicher Gedanke für sie. Natürlich sagte ihr kein Arzt, dass
bei irreversiblem Hirntod der endgültige Tod auch bei
Angeschlossensein an Geräte nicht verhindert werden kann. Er tritt
nach Stunden bis Tagen unaufhaltsam ein. Auf diese Weise zu
sterben, empfinden viele Mediziner als humaner, denn beim abrupten
Abstellen der Beatmungsgeräte erstickt der Patient. Frau N.
willigte schließlich in eine Organspende ein, um ihre Tochter von
den Maschinen zu befreien. Frau N. hat sich als Buße auferlegt,
später selber einmal Organe zu spenden, um wenigstens das gleiche
Schicksal zu erleiden, das sie ihrer Tochter zugemutet hat.
Inzwischen leidet sie an Multipler Sklerose, wahrscheinlich
ausgelöst durch den Tod ihrer Tochter, haben ihr die Ärzte
erklärt.
Frau H. wurde, als die Mediziner ihren irreversiblen Hirntod
vermuteten, in einen Krankenwagen verfrachtet, von Großburgwedel in
die MHH gefahren, um dort die Hirntodfeststellung durchzuführen,
ohne dass ihr Mann begriffen hatte, dass man ihr anschließend die
Organe entnehmen wollte. Als er die Zustimmung verweigerte, wurde
die Frau in das erste Krankenhaus zurückverlegt und weiter
künstlich ernährt und medikamentös behandelt. Er empfand es als
Schikane, dass die Mediziner sich weigerten, die Geräte
auszustellen. Durch zähen Kampf erreichte er schließlich nur, dass
man die lebenserhaltenden Medikamente wegließ.
Frau M. berichtete von ihrer Bitte an die Mediziner um ein
aufklärendes Gespräch nach der Organspende. Ohne ein Attest über
ihre "geistige Zurechnungsfähigkeit" wollte man aber nicht mit ihr
sprechen. Frau M. hat daraufhin nie wieder den Mut zu einem
Gespräch gehabt. Sie ist daran krank geworden und seitdem immer
wieder in psychologischer Behandlung.
Viele Eltern haben mir geschrieben, sich nach Vorträgen an mich
gewandt, etliche wollten auch mir gegenüber anonym bleiben, weil
sie sich so sehr schämten. Die Kraft sich zu wehren, hatten die
wenigsten.
Nur ein Vater hat seinen Sohn im Wissen, dass dieser kein
"menschenwürdiges" Leben mehr führen könne, zur Organentnahme
freigegeben. Er verstand Organspende als sinnvolle Sterbehilfe.
Alle Angehörigen der Organspender sind davon ausgegangen, dass
ihre Kinder so tot waren, wie man sich Tot-Sein vorstellt. Alle
erinnerten sich daran, dass ihre Kinder aber gerade nicht kalt,
starr, leblos und ohne Atem waren. Im Gegenteil: sie waren warm,
einige schwitzten, sie wurden wie Patienten versorgt und
behandelt.
Im Nachhinein breiten sich Angst und Entsetzen aus. Das
Schuldgefühl, zu früh aufgegeben zu haben, überwältigt, denn was
verlassen wurde, war ein Lebender und kein Toter. Niemand kann die
Angehörigen aus diesem Alptraum herausführen, weil keiner leugnen
kann, dass sie tatsächlich warme, lebende Körper zurückgelassen
haben. An dieser erlebten und im Sinne des Wortes wirklich
"begriffenen" Tatsache geht die Definition des Hirntodes vorbei. Am
erdrückendsten werden die Augenblicke empfunden, in denen die
Eltern über die vielleicht noch vorhandenen Empfindungen ihrer
Kinder bei der Organentnahme nachdenken. Die Mütter erzählen von
nächtlichen Alpträumen, in denen ihre Kinder schreien und ihnen
vorwerfen, sie verlassen zu haben. Und das genau haben wir
getan.
Sterbebegleiter waren nicht wir, sondern die
Transplantationsteams, die nacheinander anreisten, um sich ihrer
Organe zu bemächtigen. Fixiert auf dem Operationstisch,
anästhesiert wie jeder Patient, der operiert wird, reagieren einige
Spender mit Blutdruckanstieg, wenn der erste Hautschnitt gesetzt
wird. Bei normalen Patienten ist das ein Zeichen für Schmerz.
Haben unsere Kinder etwas empfunden, als man sie vom Kinn bis
zum Schambein aufschnitt, ihre Körperhälften wie eine Wanne
auseinander spreizte um sie mit eiskalter Perfusionslösung zu
füllen. Haben sie empfunden, wie sie nach der Qualität ihrer Organe
beurteilt wurden.
Was haben wir zugelassen, was fügte man ihnen zu, als sie noch
zwischen Leben und Tod schwebten, mit welchem Trauma wurden sie in
den Tod geschickt?
Es ist nicht zum Aushalten! Wir finden keinen Weg aus der
Schuld.
Wir kennen und verstehen nur einen Tod und merken plötzlich, der
Mediziner muss einen ganz anderen Tod meinen. Die schrittweise
Suche nach diesem "neuen Tod" wird begleitet von der entsetzten
Erkenntnis, dass dieser Tod vor dem anderen, dem von uns
vorausgesetzten, dem bekannten Tod liegt. Alles Wissen, alle
Informationen, die wir in dieser Frage sammelten, bestätigen und
erhärten den Verdacht, dass unsere Kinder nicht tot waren, sondern
erst im Sterben lagen.
In den Krankenakten von Christian befinden sich drei
verschiedene Todeszeitpunkte.
Das "Abschalten" der Geräte, das den Tod von Menschen zur Folge
hat, die nur durch Technik am Leben gehalten bzw. am Sterben
gehindert wurden, war noch vor 1968, zu einem Zeitpunkt, der im
Rahmen unseres Lebensalters liegt, strafbar. In der Bundesrepublik
war diese Diskussion mit der Erinnerung an die Euthanasie belastet,
die Ermordung "unwerten" Lebens im Dritten Reich. Die Möglichkeit
des Abschaltens der Geräte war darüber hinaus auch dadurch
fragwürdig, weil Manipulationen, Beeinflussungen, Entscheidungen
zum Schaden des Patienten und zum Nutzen z. B. der Erben befürchtet
werden mussten. Ob heute ausreichend berücksichtigt wird, dass
durch die Organtransplantation die Möglichkeit gegeben ist, sich in
Besitz von Überleben im ursprünglichsten Sinn zu setzen, scheint
mir fraglich. Eine völlig neue Art von Delikten ist möglich: sich
Leben, Weiterleben zu rauben. In der Dritten Welt eine Realität.
Hat die Transplantationsmedizin daran gedacht, welche menschlichen
Eigenschaften entfesselt werden können, wenn der Lebenstrieb eines
Menschen angesprochen wird?
Am 3. Dezember 1967 fand in Kapstadt die erste
Herztransplantation statt. Dr. Christian Barnard entnahm dem nicht
mehr zu rettenden Clive Haupt das noch schlagende Herz aus der
Brust, um es dem todkranken Zahnarzt Dr. Blaiberg einzupflanzen.
Die Welt jubelte, begriff aber nicht, dass ein nicht mehr zu
rettender Patient natürlich noch kein Verstorbener ist. Weltweit
fieberten Chirurgen danach, nun auch lebende Organe zu
transplantieren.
Um nicht des Totschlags angeklagt zu werden, wurden 1968 im
Harvard Medical Report die irreversibel komatösen Patienten für
"hirntot" erklärt und man bezeichnete ihren Zustand als "Tod der
Person" oder "Tod des Individuums". Diese Umdefinierung des
irreversiblen Comas schuf zuerst in Amerika die notwendige
Legitimation, solche Menschen als Herzspender zu benutzen. "Tod der
Person" oder "Tod des Individuums" heißt, dass das Persönliche, das
Individuelle eines Menschen, das was ihn von anderen unterscheidet,
nicht mehr besteht. Die selbstständigen Steuerungsmöglichkeiten des
Organismus sind irreversibel geschädigt. Irreversibel hirntote
Patienten sind Menschen, die nicht mehr zu retten sind. Man
legitimierte die Umdefinierung auch damit, dass sie Angehörige und
Pflegepersonal arbeitsmäßig wie psychisch enorm belasteten, hohe
Kosten verursachten und Betten belegten. Irreversibel Hirntote
müssen wie andere Intensivpatienten genährt, gewaschen und gepflegt
werden, werden täglich mehrmals umgelagert, um sogenannte
Druckgeschwüre zu vermeiden. Kontinuierliche Mundpflege, Hautpflege
und Medikamentengabe sind notwendig. Ihr Herz schlägt und sie atmen
mit technischer Unterstützung durch Beatmungsgeräte. Sie sind warm,
der Stoffwechsel funktioniert. Hirntote Frauen können Kinder
gebären, hirntote Männer können Erektionen haben. Hirnströme und
Hormonproduktion der Hypophyse sind möglich. Sie reagieren auf
äußere Reize, bei 3 von 4 Hirntoten sind Bewegungen der Arme und
Beine möglich. Hirntote können sich aufrichten und gurgelnde Laute
ausstoßen. Nicht neue medizinische Erkenntnisse machten aus
sterbenden Menschen "Teiltote", sondern neue technische
Möglichkeiten schufen neue Bedürfnisse und daraus resultierende
Ansprüche.
Der Mensch wird seither in seiner schwächsten und
schützenswertesten Situation, seinem Sterben, umdefiniert zu einem
wehrlosen, aber in einer bisher nie da gewesenen Weise ausbeutbaren
Objekt. Sein bisher in einer zivilisierten Welt als
selbstverständlich anerkanntes Recht auf sein eigenes ungestörtes
und individuelles Sterben wurde umdefiniert in eine Pflicht zur
Organspende. Der Mensch wurde per Definition aufgeteilt in totes
Hirn mit lebenden Organen.
Kritische Aspekte der Transplantationsmedizin
Die Transplantationsmedizin vollzieht einen Eingriff in die
Natur, der beim heutigen Wissensstand um deren Fragilität
fragwürdig scheint. Auf der einen Seite beklagen wir Aidspatienten,
deren Immunsystem nicht mehr funktioniert, auf der anderen Seite
wird das Immunsystem der Transplantierten gegen Null gefahren, um
die natürlichen Abstoßungsreaktionen zu verhindern. Die
Individualität jedes Menschen reicht bis in seine letzte
Körperzelle und bleibt auch in einem transplantierten Organ
vorhanden. Mit hohen Cortisongaben werden das fremde Organ und der
Empfängerkörper gedopt, um die Natur zu betrügen. Die Folgen
bleiben nicht aus. Die ständigen Cortisongaben schädigen auch die
anderen Organe. Das transplantierte Organ bleibt, trotz Cortison,
einer schleichenden Abstoßung unterworfen. Pilze, Viren und
Bakterien, die in einem gesunden Körper von den körpereigenen
Abwehrkräften bekämpft werden, können sich ungestört vermehren.
Manch Transplantierter stirbt qualvoll an Infektionen, gegen die
sich sein Körper nicht wehren darf, um das transplantierte Organ
nicht abzustoßen. Der Tod ist um einen hohen Preis für die
Transplantierten hinausgeschoben, die Währung ist auch hier
Unmenschlichkeit. Spender wie Empfänger müssen darauf verzichten,
einen der wichtigsten Grundprozesse ihres Menschseins zu
durchleben, ihr eigenes Sterben. Der Transplantierte muss sich so
auf sein Leben konzentrieren, dass er sich auf sein Sterben nicht
mehr einrichten kann und übergangslos dem Tod gegenübersteht.
Kassierer - Gewinner ist der Transplantationsmediziner, der seinem
Traum, den Tod zu besiegen, einen wesentlichen Schritt näher
gekommen ist.
Wie kommt es, dass wir so schwer begreifen, was sich hinter der
Transplantationsmedizin verbirgt? Wie kommt es, dass wir uns auf
Werbeveranstaltungen dazu überreden lassen, Organspendeausweise
auszufüllen? Geht es doch um unseren eigenen Tod. Die Menschen, für
die wir als Spender geworben werden, liegen bereits in den
Krankenhäusern und ihr Überleben hängt davon ab, dass wir möglichst
bald unser Leben beenden, um mit unseren gesunden Organen ihr
Sterben aufzuhalten.
Die Antwort ist: Die Gesellschaft wird mit ihrer Angst vor dem
Sterben so manipuliert, dass wir uns alle nur in der Rolle der
Organempfänger sehen, aber nicht als Lieferant. Die Akzeptanz der
Organspende beruht darauf, dass keiner mehr sterben will. Jeder
hofft, auf Kosten eines anderen zu überleben.
Wir steuern auf die recyclebare Gesellschaft zu. Wir müssen
endlich eigene Maßstäbe entwickeln und begründen, wenn wir nicht
eines Tages in einer Welt leben wollen, in der Menschen zu
Ersatzteillagern werden und die Medizin eine Reparaturwerkstatt
ist. Was wir Organspendern zumuten dürfen, die wir brutal in ihrem
Sterbeprozeß anhalten und ausweiden, darüber muss ein
Meinungsbildungsprozeß in Gang kommen und letztlich die
Gesellschaft entscheiden. Die Organspende ist ein Problem, dem wir
uns alle stellen müssen, zu dem wir eine Einstellung finden müssen
auf Grund von Wissen. Dann kann sich daraus auch unser Gewissen
bilden.
Von den Transplantationsmedizinern als Segen gefeiert, zwingt
uns die Organübertragung eine andere Sicht vom Menschen auf. Der
Mensch ist nicht mehr in seiner Ganzheit und Individualität
gefragt, sondern als Recyclingobjekt, als Lieferant von Ware, die
er zu Leb- oder Sterbenszeit abgibt. Das Verpflanzen von Organen
fordert die Transplantationsmediziner zu nie dagewesene Entscheidungen heraus. In den Anfängen der Transplantationsmedizin
waren die Organspender Sonderfälle der Intensivmedizin. Damals war
noch ganz klar, wer Spender und wer Empfänger von Organen ist.
Heute ist es durch die Weiterentwicklung der Intensivmedizin
einerseits, die Verbesserung der Transplantationsmedizin
andererseits und die damit verbundene Organknappheit, möglich und
nötig geworden, zu fragen, wer soll Empfänger und wer soll Opfer
sein. Es findet eine doppelte Güterabwägung statt. Was ist
lebenswert und welches Leben ist noch lebenswerter? Gisela Wuttke
spricht in diesem Zusammenhang vom Legomenschen, austauschbar und
umbaufähig. Leben, das eigentlich verschwenderisch vorhanden ist,
gerät in einen Recyclingkreislauf. Es macht sich eine
Verwertungsmentalität breit, aus zwei mach eins - aber es reicht
trotzdem nicht.
In der 3. Welt ist Organhandel ein Tagesgeschäft. Kinder werden
zum Zwecke der Organentnahme gezeugt und umgebracht. Menschen
werden von der Straße weggefangen und als Organspender gegen ihren
Willen oder ohne ihr Wissen missbraucht. Leichen, denen Organe
fehlen, werden auf Müllhalden gefunden. Seit Jahren können wir so
etwas in der Zeitung lesen. Wir vermeiden es, einen Zusammenhang zu
unserem zivilisierten Europa zu sehen. Doch der Bedarf hier bei uns
schafft überhaupt erst die Notwendigkeit, Menschen, wo auch immer
auf der Welt sie leben, Organe zu entnehmen. Immer sind an der
Explantation hoch ausgebildete Mediziner beteiligt und es bedarf
eines gewaltigen technischen Apparates, um sie durchzuführen.
Organe werden nicht im Hinterhof entnommen.
Die Grundangst des Menschen vor jeder Veränderung, besonders dem
Tod, wächst mit der Möglichkeit, dem Sterben ausweichen zu können.
So, wie im Märchen der Arzt nur schnell das Bett umdrehen muss,
kann heute die Organtransplantation die letzte Möglichkeit sein,
dem Tod von der Schippe zu hüpfen. Der Anspruch der Gesellschaft,
der an meiner Haut endete, reicht jetzt bis in die tiefsten Winkel
meines Körpers. Als Träger einer Menge verwertbarer Organe werde
ich zum begehrten Objekt. Meine Organe finden reißenden Absatz.
Über Organverteilerstellen werden sie wie Ware angeboten und in
Europa verteilt. Entnommen und in Kühlboxen verpackt, werden sie
per Hubschrauber oder Jet in Transplantationszentren geflogen und
verwertet. Der Mensch verkommt zum Sonderangebot, tiefgefroren bis
zur Verwertung. Wollen wir das wirklich oder sollten wir nicht
endlich Einhalt gebieten?
Waren unterliegen den Regeln des Angebotes und der Nachfrage.
Besonders begehrte Objekte, wie Organe, sind knapp. Die
Transplantationsmedizin muss sich ständig nach neuen Quellen
umsehen. Sie befindet sich in der bitteren Situation, dass Träger
von Organen zwar im Überfluss vorhanden sind, sie aber nicht so
frei darüber verfügen kann, wie sie möchte und müsste, um den
Bedarf zu befriedigen. Die Transplantationsmediziner und
Organempfänger unterstellen der Gesellschaft eine allgemeine
Akzeptanz der Organspende und fordern den Zugriff auf jeden
Hirntoten. Die Ressourcen wären enorm. Nach Bedarf könnte man in
den "Pool" greifen und das passende Organ herausfischen. Es wäre
sogar denkbar, dass wir uns auf diese Weise braune, statt blaue
Augen beschaffen könnten. Die Transplantationsmediziner wären in
der für sie wünschenswerten Situation, dass an den
Intensivpatienten nicht mehr die Frage zu stellen ist, wen dürfen
wir als Spender benutzen, sondern nur noch: wen können wir nicht
gebrauchen.
Es sind 15 Jahre seit dem Tod meines Sohnes vergangen. Ich habe
eine lange Zeit gebraucht, um einen eigenen Standpunkt zur
Transplantationsmedizin zu entwickeln. Ich weiß, dass ich weder
Organspender sein werde noch fremde Organe annehmen möchte.
Als Christ werde ich in einer Beziehung zu Gott geboren, lebe
und beende mein Leben in der Beziehung zu Gott. Das gilt für den
Gesunden wie für den Kranken. Das gilt aber nicht in der vertikalen
Beziehung, in den Verantwortlichkeiten und Verbindlichkeiten von
Mensch zu Mensch. Der Kranke ist in der Beziehung zu Gott sicher
aufgehoben, wenn er es denn zulässt. Akzeptiert er die Verbindung
zur Transplantationsmedizin, wird eine Lebensgier entfacht, die zur
Bedrohung für andere werden kann, und der eigene Tod wird damit aus
den Augen verloren.
Mir wurde deutlich, dass nicht Überleben unser Ziel ist, sondern
das Aufgreifen von Lebensmöglichkeiten, die sich auf dem Bogen von
der Geburt bis zum Tod bieten. Das Leid um Sterben und Tod meines
Sohnes hat mir bewusst gemacht, wie viel Erfahrungsmöglichkeiten
die Mediziner uns genommen haben, wie viele Türen uns die
hochtechnisierte Medizin geschlossen hat. Sterben findet dahinter
statt und ist so unbekannt geworden, dass die Angst vor diesem
Grundprozess des Menschseins ins Unerträgliche rückt und wir
mithelfen, diese Türen zuzuhalten.
Auch ich habe mich so verhalten. Den Tod meines Vaters, der nach
einem Autounfall starb, hatte ich verdrängt und auch den Tod von
anderen Angehörigen und Freunden. Durch den Tod meines Sohnes
rückten sie alle wieder in mein Bewusstsein. Es war ein
langwieriger Prozess, zu begreifen, dass Sterben etwas Alltägliches
ist, dass der Tod die Krönung des Lebens ist.
Sterben, ein Grundprozess des Lebens, findet nicht mehr in der
Familie statt und ist daher für uns nicht mehr erlebbar. Wir
begleiten Sterbende nicht mehr auf der letzten Strecke ihres
Lebens. Wir lassen uns jede Chance entgehen, dieses Fremde
mitzuerleben. Wir haben das Sterben an Krankenhäuser oder andere
Institutionen abgegeben. Das Altern findet in speziellen Häusern
statt. Tote werden an Bestattungsinstitute weitergeleitet. Nichts
mehr haben wir von den Ausklängen des Lebens in Händen behalten.
Wie sollen wir da Sterben und Tod begreifen. Wie können wir reif
werden zum Tod, wenn wir uns zunehmend diesem Erleben verschließen?
Wir lassen den Tod zum Feind des Lebens werden, dem man aus dem
Wege gehen muss, dem man ein Schnippchen schlagen muss. Der Tod als
Freund am Ende eines erfüllten Lebens ist uns verlorengegangen. Die
Angst vor dem Sterben, wie vor jedem neuen Schritt im Leben, ist
ins Irrationale abgeglitten.
Meine Tante brauchte für ihr bewusstes Sterben 24 Stunden. Meine
Schwiegermutter brauchte viele Monate, um endlich den Tod zu
akzeptieren. Sie lebte ihre letzten 6 Jahre in meiner Familie. Für
mich ist die Begleitung der letzten Strecke eines Lebens zum
Schlüsselerlebnis geworden. Der Sterbeprozess führt einen Menschen,
wie eine Schleuse ein Schiff, auf ein anderes Niveau, wo es
gefahrlos in höherem oder tieferem Wasser abgesetzt wird. Das
Schleusen mag lang oder kurz dauern, nie stürzt ein Schiff
übergangslos ab. Wie ein Schiff eine Schleuse, so braucht der
Mensch sein Sterben, um gefahrlos und angstfrei in neue Gewässer
gelangen zu können. Mir ist deutlich geworden, welch zutiefst
menschlicher Prozess das Sterben ist. Die Angst vor dem Leben, vor
neuen Erfahrungen, verdammt uns zur Bewegungslosigkeit. Das sind
die schmerzlichen Erfahrungen, die uns Stillstand und Tod mitten im
Leben bringen.
Im Laufe der Jahre bin ich oft gefragt worden, warum ich nicht
endlich aufhöre, nachzuforschen, warum ich nicht endlich den
Medizinern und mir Ruhe gebe. Ich habe oft genug Lust dazu gehabt,
alles hinzuwerfen, denn sich mit der Transplantationsmedizin
auseinander zu setzen, bedeutet ein Eintauchen in einen
gefährlichen Strudel von Macht, Größenwahn und Lebensgier. Ich habe
oft Angst gehabt, wenn ich vor einer Gruppe von Menschen gestanden
habe und meine Informationen weitergegeben habe. Die Androhung, mir
etwas zuleide zu tun, habe ich sehr ernst genommen. Sie hat mich in
einen Konflikt gestürzt: Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen,
inwieweit bin ich mitbeteiligt und unterstütze die
Transplantationsmedizin, wenn ich ihr nicht mit meinem Wissen
entgegentrete.
Die Transplantierten haben mir vorgeworfen, falsche
Informationen weiterzugeben und damit ihr Leben aufs Spiel zu
setzen. Hass auf Lebende, die dem Tod noch einmal von der Schippe
gehüpft sind, wären mein Motiv, weil es meinem Sohn nicht vergönnt
war, zu überleben. Ich sehe das nicht so. Ich sehe eine
Verpflichtung meinem verstorbenen Sohn gegenüber, dessen Tod nicht
den Stellenwert eines überfahrenen Kaninchens hat, und der nun,
weil er tot ist, nicht mehr zählt. Ich sehe auch eine Verpflichtung
den Lebenden gegenüber, deren Tod mich immer wieder in die gleiche
Situation der Frage nach der Organentnahme führen kann. Die
Entscheidung, ja oder nein zur Organentnahme, gefällt nach
umfassenden Informationen, kann immer nur eine ganz persönliche
sein, aber sie muss dann standhalten, wenn die Organentnahme
beginnt, denn dann ist keine Korrektur mehr möglich.
Verliere ich wirklich nicht die Nächstenliebe aus den Augen?
Wird sich nicht doch meine Einstellung zu Krankheit und Tod ändern,
wenn mir mit einem Organ geholfen werden könnte? Was würde ich zum
Beispiel tun, wenn einem meiner Kinder mit einer Organspende
"geholfen" werden könnte? Würde ich denn wenigstens ein Organ von
mir hergeben? Diese Fragen werden mir immer wieder gestellt. Die
Antworten lauten immer "nein". Ich liebe meine Kinder, meine
Familie, wie jede Mutter und Frau es tut. Brauchten meine Kinder
ein Organ, dann fielen mir die Organempfänger ein, die ich im Laufe
der Jahre kennen gelernt habe. Mit einem unsichtbaren Band "ein
Leben lang" an einen Transplantationsmediziner gekettet zu sein,
macht unfrei, abhängig, erschreckt mich. Die vielen Nebenwirkungen,
die auftreten durch die Einnahme von Medikamenten, die die noch
funktionierenden Organe des Körper schädigen, lehne ich ab. Sie
entsprechen nicht uns und unserer Lebensweise. Ich fühle mich auch
nicht als Ersatzteillager für meine Kinder. In ihrem
Werdungsprozess, habe ich meinen Körper mit ihnen geteilt, später
mein Bett, meine Nahrung. Heute teile ich mein Geld und manchmal
meine Kleidung mit ihnen. Mein Mann und ich haben jetzt noch 5
Kinder. Im Extremfall hätte ich eine Niere, ein Stück meiner Leber
und vielleicht zwei Hornhäute abzugeben. So verstehe ich aber meine
Aufgabe und Pflicht als Mutter nicht. Immer würde ich sie auf
Krankheitswegen begleiten und sie unterstützen, bis zum Tode.
Könnte ich wenigstens eine Niere abgeben, denn da hört man doch
viel Positives? Nein, auch das nicht, ich halte das Leben eines
Dialysepatienten nicht für leicht, aber ich beneide auch keinen
Nierentransplantierten, der voller Pilzinfektionen steckt.
Der Tod meines Sohne hat mich in eine tiefe Krise geführt.
Damals glaubte ich, dass auch für mich das Leben vorbei sei. Ich
fühlte mich gefangen in tiefster Dunkelheit, bewegungslos. In
dieser Zeit tiefster Bedrängnis habe ich mich ein einziges Mal so
umfassend gehalten und geborgen gefühlt von einer Kraft, die so
unendlich war, dass ich sie in Notzeiten immer noch fühlen kann.
Sie wurde zur Energiequelle, die mich wieder hinausführte ins
Leben.
Gleichzeitig erlebte ich die Grenzen der Realität wie einen
Schleier, der sich bewegte und ab und zu einen Blick in das
Dahinter zuließ. Mit den Erfahrungen und Begegnungen hinter diesem
Schleier und der Verankerung dieses Wissens in mein Leben und in
die Realität, habe ich für mich eine neue Lebensdimension gewonnen,
die mich auch den Tod meines Sohnes anders sehen lässt. Diese 15
Jahre Leben, die er nur hatte, leben in mir und mit mir, sie sind
für mich unsterblich geworden. Sie tun mir gut und ich erinnere
mich gerne daran.
Leben, Sterben und Tod stehen für mich jetzt zusammen und
eröffnen mir eine neue Sichtweise. Der Tod lauert nicht mehr am
Ende meines Lebens wie eine Falle, der ich ausweichen muss. Weil er
nun neben mir steht, ist jeder Tag ein neues Geschenk für mich, das
ich in mein Lebensgefäß hineintun kann, bis es eines Tages
überläuft und sich in neue Bahnen ergießt.
Die einzige Alternative zur Transplantationsmedizin für Spender
und Empfänger von Organen, für jeden von uns, ist die Akzeptanz des
Sterbens. Ich habe gelernt, dass die Lebensqualität eines Menschen,
der auf ein Organ verzichtet und sich auf das Sterben einstellt,
die Lebensqualität eines Gesunden übertreffen kann. Das Ziel meiner
Bemühungen, das Sterben meines Sohnes zu begreifen, habe ich
erreicht. Es ist ein Alptraum, mit dem ich leben lernen musste. Ich
habe das Vertrauen verloren, das ich der Transplantationsmedizin
gegenüber empfand, aber ich habe Vorstellungen zu meinem eigenen
Sterben gewonnen. Dafür bin ich dankbar.
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