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Der "Hirntod" ist nicht der Tod!
Aufsatz - Bei einer Tagung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften Anfang Februar 2005
Von: Paul A. Byrne, Cicero G. Coimbra, Robert Spaemann und Mercedes Arzu Wilson
In der Medizin schützen, erhalten und verlängern wir das Leben und schieben den
Tod hinaus. Unser Ziel ist es, Körper und Seele in Einklang zu
halten. Das Versagen eines vitalen Organs kann den Tod zur Folge
haben. Andererseits kann das medizinische Eingreifen manchmal die
Funktion des geschädigten Organs wiederherstellen, oder
medizinische Geräte (wie Herzschrittmacher oder
Herz-Lungen-Maschinen) können das Leben erhalten. Die Feststellung,
dass das Gehirn oder ein anderes Organ die Funktion einstellt, ist
an sich kein Anzeichen dafür, dass das betreffende Organ zerstört
ist und noch viel weniger ein Anzeichen für den Tod dieses
Menschen.
Dr. Paul Byrne
Am 3. und 4. Februar 2005 hat die Päpstliche Akademie der
Wissenschaften in Kooperation mit der "Weltorganisation für die
Familie" eine Tagung im Vatikan abgehalten zu dem Thema: "Die
Zeichen des Todes". Diese Abhandlung basiert sowohl auf den Texten,
die der Päpstlichen Akademie vorgelegt wurden, als auch auf den
Diskussionen, die in diesen zwei Tagen geführt wurden.
Die Tagung fand auf Wunsch von Papst Johannes Paul II statt mit
dem Ziel, die Zeichen des Todes nochmals zu beurteilen und um auf
rein wissenschaftlicher Ebene die Gültigkeit der auf das Hirn
bezogenen Kriterien für den Tod auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.
Dabei bezog man die gegenwärtige Debatte in den
Wissenschaftskreisen zu diesem Thema ein.
In einer Mitteilung des Heiligen Vaters an die Päpstliche
Akademie der Wissenschaften, die bei der Tagung verlesen wurde,
sagte er, dass die Kirche "bislang durchweg die Praxis der
Transplantation von Organen Gestorbener unterstützt habe." Jedoch
mahnte er, dass Transplantationen nur dann annehmbar seien, wenn
sie in einer Weise durchgeführt werden, "die den Respekt für das
Leben und den Menschen wahrt".
Der Papst zitierte seinen Vorgänger, Papst Pius XII, der gesagt
hatte: "Es ist Aufgabe des Arztes, den Tod und den Todeseintritt
klar und eindeutig zu definieren." Er ermutigte die Päpstliche
Akademie, diese Aufgabe weiter wahrzunehmen und sagte den
Wissenschaftlern zu, dass sie sich auf die Unterstützung durch den
Vatikan verlassen könnten, besonders auf die der
Glaubenskongregation.
Hintergrund
Im Jahre 1968 wurden die "Harvard-Kriterien", die den Hirntod
festlegten, in der Zeitschrift der Amerikanischen Ärztevereinigung
veröffentlicht unter dem Titel: "Eine Definition des irreversiblen
Komas". Dieser Artikel enthielt keine Hintergrunddaten, weder auf
der Basis von wissenschaftlicher Forschung noch auf der Grundlage
von Fallstudien an Patienten. Aus diesem Grund stellte die Mehrheit
der Tagungsteilnehmer in Rom fest, dass die "Harvard-Kriterien"
wissenschaftlich ungültig waren.
Im Jahr 2002 wurden die Ergebnisse einer weltweiten Umfrage in
der Zeitschrift "Neurology" veröffentlicht. Das Ergebnis der
Umfrage war, dass die Verwendung des Begriffs "Hirntod" weltweit
akzeptiert wird, aber es gibt keine weltweite Übereinstimmung bei
den diagnostischen Kriterien und es bleiben "weiterhin ungelöste
Fragen weltweit". Zwischen 1968 und 1978 wurden nachweislich
mindestens 30 unterschiedliche Hirntod-Kriterien veröffentlicht und
seitdem viele weitere. Die jeweils neu bekannt gegebenen Kriterien
haben die Tendenz, weniger strikt zu sein als die früheren. Sie
alle basieren nicht auf der wissenschaftlichen Methode von
Beobachtung und Hypothese, welche durch Nachprüfung bestätigt
wurden.
Versuche, die neueren Todeskriterien mit den bewährten,
allgemein akzeptierten Todeskriterien - Aussetzen des Kreislaufs,
der Atmung, der Reflexe - zu vergleichen, zeigen, dass diese
Kriterien deutlich anders sind. Das hat den ärztlichen Berufsstand
in eine unheilvolle Situation gebracht. Viele Ärzte, die den
Eindruck haben, dass die Akzeptanz von derart unvereinbaren
Kriterien ein Verstoß gegen den Hippokratischen Eid ist, haben das
starke Bedürfnis, die Irreführung durch den Begriff "Hirntod" offen
zu legen, weil das hohe Ansehen des ärztlichen Berufsstandes auf
dem Spiel steht.
Philosophische Betrachtungen
In seiner Darlegung vor der Päpstlichen Akademie zitierte Robert
Spaemann - ein bekannter ehemaliger Philosophie-Professor von der
Universität München - die Worte von Papst Pius XII, der erklärt
hatte, dass "das Leben weiter besteht, wenn vitale Funktionen
festzustellen sind, auch wenn sie durch künstliche Mittel
unterstützt werden".
Professor Spaemann konstatierte: "Das Ende von Atmung und
Herzschlag, die Trübung der Augen, die Totenstarre usw. sind die
Kriterien, anhand derer Menschen seit ewigen Zeiten erkennen und
begreifen konnten, dass ein Mitmensch tot ist." Aber die
Harvard-Kriterien "haben diese Übereinstimmung von
Medizinwissenschaft und der normalen zwischenmenschlichen
Wahrnehmung grundlegend verändert".
Er sagte: "Wenn man die bestehenden Todeszeichen, wie sie vom
gesunden Menschenverstand gesehen werden, denen der Wissenschaft
gegenüberstellt, wird klar, dass die Wissenschaft nicht länger das
normale Verständnis von Leben und Tod zur Voraussetzung hat.
Tatsächlich setzt sie die normale menschliche Wahrnehmung außer
Kraft, indem sie Menschen für tot erklärt, die noch als lebend
wahrgenommen werden."
Der deutsche Wissenschaftler führte aus, dass der neue Ansatz
für eine Definition des Todes andere Prioritäten widerspiegele:
Priorität hätte nicht mehr das Bedürfnis eines Sterbenden, nicht
vorzeitig für tot erklärt zu werden, sondern das Interesse von
Anderen daran, einen sterbenden Menschen so früh wie möglich für
tot zu erklären. Es werden zwei Gründe genannt für dieses Interesse
von Dritten:
- um legal lebensverlängernde Maßnahmen beenden zu können, die
sonst eine finanzielle und persönliche Belastung für Angehörige und
Gesellschaft gleichermaßen bedeuten würden und
- um Organe gewinnen zu können mit dem Ziel, andere Menschen mit
Hilfe der Transplantation retten zu können. Diese zwei Interessen
sind nicht am Wohl des Patienten ausgerichtet, da sie ihm so
schnell wie möglich den Status eines Subjekts aberkennen
wollen.
Spaemann stellte fest, dass die Argumente gegen die Verwendung
des Begriffs "Hirntod" als Todesfeststellung "nicht nur von
Philosophen und besonders in meinem Land von führenden Juristen
vorgebracht werden, sondern auch von Medizin-Wissenschaftlern." Er
zitierte einen deutschen Anästhesisten: "Hirntote Menschen sind
nicht tot, sondern Sterbende."
Medizinische Beweise
Dr. Paul Byrne, ein Kinderheilkundler aus Toledo, Ohio, gab
einen Einblick in die Medizin - er machte folgende Aussage:
Wenn einem hirntoten Patienten Organe entnommen werden, sind bis
zur Entnahme der Organe alle vitalen Lebenszeichen des Spenders
vorhanden, wie normale Körpertemperatur, Blutdruck und Herzschlag.
Vitale Organe wie Leber und Nieren arbeiten, und der Spender atmet
mit Hilfe der künstlichen Beatmung.
Außerdem berichtete Byrne der Akademie, dass diese
Vorgehensweise für die meisten Organentnahmen notwendig sei, weil
vitale Organe nach dem Tod eines Patienten schnell unbrauchbar
werden. "Nach dem richtigen Tod", sagte er, "können unpaarige
Organe (vor allem das Herz und die Leber) nicht transplantiert
werden." Die Transplantation von unpaarigen vitalen Organen ist
legal in den meisten westlichen Ländern, einschließlich der USA,
und in einigen Entwicklungsländern wie in Brasilien, aber die
entscheidende Frage ist: "Ist es moralisch erlaubt, das Leben des
Einen zu beenden, um ein anderes Leben zu retten?" Papst Johannes
Paul II hat wiederholt gesagt, wie auch am 4. Februar 2003 in
seiner Botschaft zum Welttag der Kranken: "Es ist niemals erlaubt,
einen Menschen zu töten, um einen anderen zu retten." Der
Katechismus der Katholischen Kirche sagt unmissverständlich (2296):
"Es ist moralisch nicht erlaubt, einen Menschen zu verstümmeln oder
zu töten, auch nicht, wenn man dadurch den Tod von anderen Menschen
hinausschieben kann."
"In der Medizin schützen, erhalten und verlängern wir das Leben
und schieben den Tod hinaus", sagte Byrne. "Unser Ziel ist es,
Körper und Seele in Einklang zu halten." Wenn ein vitales Organ
ausfällt, so argumentierte er, kann das den Tod herbeiführen.
Andererseits kann die medizinische Intervention manchmal die
Funktion des beschädigten Organs wiederherstellen oder medizinische
Geräte wie Herzschrittmacher und Herz-Lungen-Maschinen können das
Leben erhalten. Er sagte: "Die Feststellung, dass das Gehirn oder
ein anderes Organ die Funktion einstellt, ist an sich kein
Anzeichen dafür, dass das betreffende Organ zerstört ist und noch
viel weniger ein Zeichen für den Tod dieses Menschen."
Verteidigung der Kriterien
Einige Teilnehmer an der Februar-Tagung verteidigten die
Anwendung der "Hirntod"-Kriterien. Dr. Stewart Youngner von der
Case Western University räumte ein, dass "hirntote" Spender leben,
aber er argumentierte, dass diese Tatsache kein Hinderungsgrund für
die Organentnahme sein sollte. Seine Begründung war, dass die
Lebensqualität von hirntoten Patienten so schlecht sei, dass es
viel vorteilhafter sei, ihnen die Organe zu entnehmen, um das Leben
eines Anderen zu retten, anstatt das Leben der Organspender zu
erhalten.
Dr. Conrado Estol, ein Neurologe aus Buenos Aires, erklärte die
Schritte, die erfolgen müssen, um den "Hirntod" eines potenziellen
Organspenders feststellen zu können. Dr. Estol, der ein großer
Befürworter der Organentnahme ist, weil damit das Leben Anderer
verlängert werden kann, zeigte ein dramatisches Video von einem
Menschen nach der Hirntod-Feststellung, der versuchte, sich
aufzusetzen und seine Arme zu verschränken. Trotzdem versicherte
Dr. Estol den Anwesenden, dass der Spender eine Leiche war. Das
rief Unruhe bei vielen Teilnehmern der Tagung hervor.
Ein französischer Transplanteur, Dr. Didier Houssin, gestand
Probleme ein, die durch die Widersprüche zwischen den
unterschiedlichen Hirntod-Kriterien entstehen. Er stellte fest,
dass "der Tod eine medizinische Tatsache, ein biologischer Prozess
und eine philosophische Frage ist, aber auch eine soziale
Tatsache." Es sei schwierig für eine Gesellschaft zu verstehen,
dass ein Mensch an dem einen Ort für lebendig und an dem anderen
Ort für tot gehalten werde. Als Befürworter von Transplantationen
sagte er aber, es sei wichtig für die Gesellschaft, den Ärzten zu
vertrauen.
Ein anderer französischer Arzt, Dr. Jean-Didier Vincent vom
Institut Universitaire, hob hervor, dass ein hirntoter Mensch eine
vollständige und irreversible Zerstörung des Gehirns erlitten hat.
Dr. Vincent wurde eingehend befragt nach dem Fall einer schwangeren
Frau mit der Diagnose "Hirntod", die ihre Schwangerschaft unter
Einsatz von lebenserhaltenden Maßnahmen fortsetzte und bei der sich
sogar Muttermilch für das ungeborene Kind bildete. Er räumte ein,
dass die Frau zwar Muttermilch ausbildete, beurteilte diese
Milchbildung aber eher als einen unterdrückten mechanischen Reflex
denn als Zeichen für fortbestehendes menschliches Leben. Als man
ihn daran erinnerte, dass die Herstellung von Muttermilch auf ein
Signal hin erfolgt, das vom Vorderlappen der Hypophyse ausgeht und
welches die Entstehung von Muttermilch und möglicherweise das
Brustwachstum anregt und insofern ein funktionierendes Gehirn
benötigt, erwiderte er, es könnte noch eine minimale Produktion von
Hormonen im Gehirn möglich sein.
Der Apnoetest
Bei seiner Präsentation auf der Konferenz verurteilte Dr. Cicero
Coimbra, ein klinischer Neurologe von der Bundesuniversität Sao
Paolo, die Grausamkeit des Apnoetests. Dabei wird dem Patienten die
künstliche Beatmung für bis zu 10 Minuten entzogen, um feststellen
zu können, ob er selbstständig zu atmen beginnt. Dies ist ein Teil
der (notwendigen) Untersuchungen, bevor ein hirnverletzter Patient
für hirntot erklärt wird. Dr. Coimbra erklärte, dass diese
Untersuchung eindeutig die mögliche Erholung eines hirnverletzten
Patienten beeinträchtigt und sogar den Tod des Patienten
hervorrufen kann.
Er führte aus:
- Viele hirnverletzte Patienten, sogar in tiefem Koma, können das
Bewusstsein wiedererlangen und ins normale Leben zurückkehren; ihr
Nervengewebe ist möglicherweise nur ruhiggestellt und nicht
irreversibel geschädigt als Folge einer teilweise verminderten
Durchblutung des Gehirns. (Dieses Krankheitsbild, das "ischämischer
Halbschatten" genannt wird, war noch nicht bekannt, als vor 37
Jahren die ersten neurologischen Kriterien für den Hirntod
festgelegt wurden.) Jedoch kann der Apnoetest (der als der
wichtigste Schritt bei der Diagnose "Hirntod" oder "Stammhirntod"
gilt) einen irreversiblen Stillstand der Hirndurchblutung oder
sogar Herzstillstand herbeiführen und somit eine Wiederherstellung
des Nervensystems verhindern.
- Während des Apnoetests hindert man die Patienten daran,
Kohlendioxid auszustoßen. Die Anreicherung des Blutes mit
Kohlendioxid jedoch ist Gift für das Herz.
- Als Folge dieses Tests fällt der Blutdruck, und die Blutzufuhr
zum Gehirn wird irreversibel gestoppt. Auf diese Weise wird eher
der irreversible Hirntod hervorgerufen, als dass er diagnostiziert
wird; indem man den Blutdruck reduziert, verringert der Test zudem
den Blutzufluss zum Atemzentrum im Gehirn. Dadurch hindert man den
Patienten daran, während dieser Prozedur selbstständig zu atmen.
(Durch eigenständige Atmung würde der Patient nachweisen, dass er
lebt.)
- Irreversibler Herzstillstand (Tod), Herzrhythmusstörungen,
Herzmuskelinfarkt und andere lebensbedrohliche schädliche
Auswirkungen können ebenfalls während des Apnoetests eintreten.
Folglich kann eine irreversible Hirnschädigung während und vor
Beendigung der diagnostischen Verfahren zur Hirntodfeststellung
eintreten.
Dr. Coimbra beendete seine Ausführungen mit den Worten, dass der
Apnoetest als unethisch verurteilt werden sollte und als
unmenschliches medizinisches Verfahren für ungesetzlich erklärt
werden müsste. Er sagte, wenn die Angehörigen um die Brutalität und
Risiken dieses Verfahrens wüssten, würden die meisten ihre
Zustimmung verweigern.
Er machte darauf aufmerksam, dass ein Patient mit Herzinfarkt,
der in die Notfallstation aufgenommen wird, keinesfalls einem
Belastungstest ausgesetzt wird, zur Bestätigung dafür, dass er
einen Herzinfarkt erlitten hat. Stattdessen behandelt man den
Patienten mit besonderer Sorgfalt, um sein Herz vor weiteren
Belastungen zu schützen.
Im Gegensatz dazu steht die Behandlung eines hirnverletzten
Patienten. Wenn er dem Apnoetest unterzogen wird, wird das ohnehin
schon geschädigte Organ weiter belastet, und eine zusätzliche
Schädigung kann das Leben des Patienten gefährden.
Dr. Yoshio Watanabe, ein Kardiologe aus Nagoya, Japan, stimmte
ihm zu. Er sagte, wenn die Patienten nicht dem Apnoetest ausgesetzt
würden, könnten sie eine 60prozentige Chance zur Rückkehr ins Leben
haben, wenn sie rechtzeitig mit therapeutischer Unterkühlung
behandelt würden.
Dr. David Hill, ein britischer Anästhesist und Dozent in
Cambridge, befasste sich ebenfalls mit der Frage nach einer
möglichen Genesung eines hirnverletzten Patienten. Er sagte: "Es
sollte erstens hervorgehoben werden, dass umfassend zugestanden
wurde, dass einige Funktionen oder zumindest einige Aktivitäten im
Gehirn weiterbestehen können. Zweitens ist der einzige Grund, warum
ein Patient eher für tot als für sterbend gehalten wird, der, dass
man lebensfähige Organe für Transplantationen erhalten will." Die
Anwendung dieser Kriterien, so seine Schlussfolgerung, könne
keineswegs als dem Wohl des Patienten dienlich gewertet werden,
sondern sie dienten (im Gegensatz zu den Hippokratischen Werten)
ausschließlich dem Wohl des potenziellen Organempfängers.
"Die Irreführung"
Dr. Hill erinnerte daran, dass die ersten Versuche, vitale
Organe zu transplantieren, oft daran scheiterten, dass die Organe
von Leichen nicht die Phase der Ischämie nach dem Tod des Spenders
überstanden. Die Übernahme der Hirntod-Kriterien löste das Problem,
wie er ausführte: "durch die Möglichkeit, vitale Organe entnehmen
zu können vor Abschalten der lebenserhaltenden Maßnahmen - ohne
gesetzliche Einschränkungen, die sonst möglicherweise diese
Vorgehensweise begleitet hätten."
Es sei erstaunlich, dass die Öffentlichkeit diese neuen
Kriterien akzeptiert habe, stellte Dr. Hill fest, und er führte
diese Akzeptanz zum großen Teil auf die Werbung zugunsten der
Organtransplantation zurück, und zum Teil darauf, dass die
Öffentlichkeit nichts über die Vorgehensweise weiß.
"Man weiß im Allgemeinen nicht2, so sagte er, "dass die
lebenserhaltenden Maßnahmen erst nach der Entnahme der Organe
beendet werden. Man weiß auch nicht, dass während der
Entnahmeoperation anästhetische Maßnahmen zur Kontrolle des
Spenders notwendig sind." Da das Wissen um diese Vorgehensweise
zunehme, sagte er, sei es nicht überraschend, dass - wie eine
englische Studie von 2004 ergibt - die Ablehnungsrate der
Angehörigen gegen eine Organentnahme von 30% im Jahr 1992 auf 44%
angestiegen ist. Er vermutete auch, dass die Angehörigen starke
Zweifel bekommen, wenn sie mit ihren eigenen Augen sehen, dass ein
potenzieller Organspender lebt, und deshalb nicht bereit sind,
einer Organentnahme zuzustimmen.
In Großbritannien, berichtete er, werde zunehmend Druck auf
Menschen ausgeübt, einen Organspendeausweis auszufüllen und immer
bei sich zu tragen, der Ärzten das Verfügungsrecht über ihre Organe
gibt. Bislang haben nur etwa 19% der Bevölkerung einen
Organspendeausweis, aber KFZ-Anmelde-Papiere, Führerscheinanträge
und andere offizielle Dokumente enthalten Rubriken, in denen die
Bürger ihr Einverständnis dokumentieren können. Sogar Kinder werden
darin bestärkt zu unterschreiben. In allen diesen Dokumenten steht,
dass Organe nur "nach meinem Tod" entnommen werden dürfen, aber es
gibt keine Erläuterung, was mit "Tod" gemeint ist. Hier hängt
wieder seiner Meinung nach die Akzeptanz von Transplantationen mit
dem mangelnden Wissen der Öffentlichkeit um die Vorgehensweisen
zusammen. Er hob hervor, dass andererseits "für jeden anderen
Eingriff die informierte Zustimmung vorgeschrieben ist, aber für
diesen endgültigen Eingriff wird keine Aufklärung oder
Gegenzeichnung verlangt. Ebenso wenig wird (den potenziellen
Organspendern) die Möglichkeit gegeben, sich mit der Frage einer
Narkose auseinander zu setzen."
Bischof Fabian Bruskewitz aus Lincoln, Nebraska, sprach das
Thema der Zustimmung des Spenders an. "Soweit ich weiß", sagte er
der Päpstlichen Akademie, "hat kein geachteter, gebildeter und
angesehener katholischer Moraltheologe behauptet, dass die Worte
von Jesus, man solle sein Leben für seine Freunde geben (Johannes
15, Vers 13) eine Aufforderung oder sogar eine Erlaubnis zur
Einwilligung in die Selbsttötung darstellten, damit andere
weiterleben können."
Der Bischof führte weiter aus, dass die gegenwärtige Technologie
es den Ärzten ermöglicht, nur in den äußeren 1-2 Zentimetern des
Gehirns Aktivität messen zu können. Er stellte die Frage: "Haben
wir unter diesen Umständen überhaupt die unwiderlegbare moralische
Gewissheit, etwas über die Existenz der Hirnaktivität geschweige
denn über das Ende der Hirnaktivität auszusagen?"
Aus dem Blickwinkel der katholischen Moraltheologie heraus sagte
der Bischof, die Würde und Autonomie des Menschen - sei es als
Zygote, Blastozyst, Embryo, Fötus, Neugeborenes, Kind,
Heranwachsender, Erwachsener, behinderter Erwachsener, alter
Mensch, Mensch in einem komatösen (oder sogenannten) dauerhaft
vegetativen Zustand - werde so gesehen, wie sie schon immer in der
Geschichte der Katholischen Kirche gesehen wurde, mit Respekt und
dem Anspruch auf Schutz vor schädigenden Eingriffen, die das Ende
eines menschlichen Lebens in einem dieser Stadien herbeiführen.
Mit Blick auf die ernsten Fragen um die Gültigkeit der
Hirntod-Kriterien sagte Professor Josef Seifert von der
Internationalen Akademie der Philosophie in Liechtenstein,
medizinische Ethiker sollten sich auf das wahre und offensichtliche
ethische Prinzip berufen (wie es die gesamte Kirchentradition der
Morallehre verlangt) nämlich dass wir, "wenn auch nur ein kleiner
begründeter Zweifel besteht, dass unsere Handlungen einen Menschen
töten, davon Abstand nehmen müssen."
Die Todeszeichen
Schlussfolgerungen der Tagung der Päpstlichen Akademie der
Wissenschaften nach Überprüfung der Hirntod-Kriterien:
- Einerseits erkennt die Kirche an, im Einklang mit ihrer
Tradition, dass die Heiligkeit des menschlichen Lebens von der
Empfängnis bis zum natürlichen Ende uneingeschränkt geschützt und
aufrechterhalten bleiben muss. Andererseits neigt eine
säkularisierte Gesellschaft dazu, mehr Gewicht auf die
Lebensqualität zu legen.
- Die Katholische Kirche hat immer gegen die Zerstörung menschlichen Lebens durch Abtreibung Widerstand geleistet, und ebenso verurteilt sie die vorzeitige Beendigung des Lebens eines unschuldigen Organspenders mit dem Ziel, das Leben eines Anderen durch die Transplantation eines unpaarigen Organs zu verlängern. "Es ist moralisch unzulässig, die Verstümmelung oder den Tod eines Menschen unmittelbar herbeizuführen, auch dann nicht, wenn dadurch der Tod von anderen Menschen hinausgeschoben werden kann." "Es ist niemals erlaubt, einen Menschen zu töten, um einen anderen zu retten."
- "Wir dürfen auch nicht schweigen bei anderen heimlicheren, aber
nicht weniger schwerwiegenden und praktizierten Formen der
Euthanasie. Diese könnten zum Beispiel auftreten, wenn man, um die
Verfügbarkeit von Organen für Transplantationen zu steigern, Organe
entnimmt, ohne objektive und angemessene Kriterien anzuwenden, die
den Tod des Spenders nachweisen."
- Der Tod eines Menschen ist ein einzigartiges Ereignis. Er
besteht aus der völligen Auflösung des einheitlichen und
integrierten Ganzen, dem Selbst. Der Tod ist die Folge der Trennung
des Lebensprinzips (oder der Seele) vom Körper des Menschen. Papst
Pius XII berief sich auf dieselbe Wahrheit, indem er feststellte,
dass das menschliche Leben weiterbesteht, wenn die vitalen
Funktionen offensichtlich sind, auch bei künstlicher
Unterstützung.
- "Die Anerkennung der einzigartigen Würde des Menschen hat eine
weitere zugrundeliegende Konsequenz: Vitale unpaarige Organe dürfen
nur nach dem Tod entnommen werden - das heißt, aus dem Körper eines
Menschen, der mit Sicherheit tot ist. Diese Forderung ist
selbstverständlich, denn anders zu handeln heißt, dass man mit
Absicht den Tod eines Spenders herbeiführt, um über seine Organe
verfügen zu können." Das natürliche Moralgesetz erlaubt nicht die
Entnahme von unpaarigen vitalen Organen zum Zwecke der
Transplantation von einem Menschen, der noch nicht mit Sicherheit
tot ist. Die Feststellung des "Hirntodes" reicht nicht aus, um zu
der Folgerung zur kommen, dass der Patient mit Sicherheit tot ist.
Sie reicht nicht einmal aus, um moralische Gewissheit zu
erlangen.
- Viele Menschen aus medizinischen und wissenschaftlichen Kreisen
verfechten weiterhin, dass die auf den "Hirntod" gestützten
Kriterien ausreichen, um moralische Gewissheit über den Tod selbst
zu haben. Gegenwärtige medizinische und wissenschaftliche Beweise
widersprechen dieser Annahme. Neurologische Kriterien allein
genügen nicht, um moralische Gewissheit über den Tod zu bekommen,
und sind absolut nicht in der Lage, eine physische Sicherheit über
den eingetretenen Tod zu gewährleisten.
- Es ist jetzt offenkundig und offensichtlich, dass es kein
einziges sogenanntes neurologisches Kriterium gibt - woran
internationale Wissenschaftskreise öffentlich festhalten - welches
den sicheren Tod feststellt. Vielmehr werden viele unterschiedliche
neurologische Kriterien ohne weltweite Übereinstimmung
angewendet.
- Neurologische Kriterien reichen nicht aus für eine
Todeserklärung, wenn noch ein intaktes Herz-Kreislauf- und
Atemsystem besteht. Diese neurologischen Kriterien können nur das
Fehlen von einigen bestimmten Hirnreflexen überprüfen. Die
Hirnfunktionen wie Temperaturkontrolle, Blutdruck, Herzschlag und
der Ausgleich des Salz- Wasserhaushaltes werden dabei nicht
berücksichtigt. Wenn ein künstlich beatmeter Mensch für "hirntot"
erklärt wird, sind diese Funktionen nicht nur vorhanden, sondern
auch anhaltend aktiv.
- Der Apnoetest - das Abstellen der künstlichen Beatmung - ist
als Teil der neurologischen Diagnose vorgeschrieben und wird
paradoxerweise eingesetzt, um die Irreversibilität zu bestätigen.
Dieser Test beeinträchtigt merklich das Untersuchungsergebnis oder
verursacht sogar den Tod eines Patienten mit schweren
Hirnschädigungen.
- Es gibt überwältigende medizinische und naturwissenschaftliche
Beweise, dass das vollständige Einstellen der Hirnaktivität (in
Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm) kein Nachweis des Todes ist. Das
vollständige Ende der Hirntätigkeit kann nicht angemessen beurteilt
werden. Die Irreversibilität ist eine Prognose, keine medizinisch
feststellbare Tatsache. Heute behandeln wir viele Patienten mit
Erfolg, deren Genesung noch vor kurzem hoffnungslos schien.
- Eine Todesfeststellung allein aufgrund von neurologischen
Kriterien ist eine Theorie, keine wissenschaftliche Tatsache. Sie
genügt nicht, um die Annahme, dass der Patient noch lebt, zu
widerlegen.
- Kein Gesetz (welches auch immer) sollte versuchen, eine
Vorgehensweise für legal zu erklären, die in sich schlecht ist.
"Ich wiederhole noch einmal, dass ein Gesetz, welches das
natürliche Recht eines unschuldigen Menschen auf Leben verletzt,
ungerecht und als solches ungültig ist. Deshalb appelliere ich noch
einmal eindringlich an alle politisch Verantwortlichen, keine
Gesetze zu erlassen, welche die Würde des Menschen missachten und
dadurch die Grundlagen der Gesellschaft zugrunde richten."
- Das Leben eines unschuldigen Menschen zu beenden, um das Leben
eines anderen zu retten - wie bei der Transplantation von
unpaarigen vitalen Organen - macht das Böse nicht besser, das darin
besteht, einem unschuldigen Menschen das Leben zu nehmen. Böses
darf nicht getan werden, um Gutes zu bewirken.
Anmerkung: Das Protokoll dieser Tagung ist noch nicht veröffentlicht und befindet sich z. Zt. bei der Kongregation für die Glaubenslehre.
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