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Zwei unabhängige Stellungnahmen gegen die Organspende

Dr. David Evans, emeritierter fachärztlicher Berater für Kardiologie, Papworth & Addenbrooke's Hospital
und Dr. David Hill, emeritierter fachärztlicher Berater für Anästhesie,
haben KAO ihr Einverständnis gegeben, ihre Statements zur Konferenz "Dignity in Donation" am 27. April 2012 in Nottingham, Großbritannien, zu veröffentlichen, ebenso die Übersetzung beider Stellungnahmen ins Deutsche. (07.04.12)

(Übersetzung: Renate Focke)
 

Minderheitsbericht David Evans

Picture David EvansSehr geehrte Damen und Herren,

ich danke Ihnen sehr herzlich für die freundliche Einladung (um meine Stellungnahme am Tag der Organspende) darzulegen. Vor zehn Jahren hätte ich diese mir angebotene Chance sehr gern wahrgenommen, um einer aufgeschlossenen Zuhörerschaft unbequeme Wahrheiten darzulegen, oder vielleicht noch vor fünf Jahren, indem ich meinem Gewissen folge, das mich immer noch antreibt, mich mit allen meinen Kräften dafür einzusetzen, dass die entscheidenden Tatsachen über die Organgewinnung einer großen Öffentlichkeit bekannt werden. Aber ich muss widerstrebend akzeptieren, dass ich nun zu alt dafür bin. Mit meiner Absage verbinde ich die Hoffnung, dass meine Ablehnung der Organtransplantation - ein Standpunkt, der sich nach fast 40 Jahren intensiver Auseinandersetzung mit dieser Frage noch gefestigt hat - in geeigneter Weise übermittelt wird.

Kurz und bündig: Die Organtransplantation ist ethisch nicht vertretbar, weil sie auf dem Missbrauch von Sterbenden basiert oder gesunden Organspendern Schaden zufügt.

Ärzte sollten sich nicht an diesen Eingriffen beteiligen.

Es sollte bekannt sein, dass ich ein starker Befürworter der Nierentransplantation war, bis die Transplantation von Herzen eingeführt wurde und ich - weil Terence English meine Hilfe für seine Ziele benötigte - Einblick erhielt, wie transplantierbare Organe gewonnen wurden, worauf ich mich weigerte, daran mitzuwirken. (Ein anderer Kardiologe wurde dann damit beauftragt, es ihm zu ermöglichen.) Ich sollte auch erwähnen, dass ich Senior Registrar (Assistenzarzt mit Forschungsaufgaben) auf einer Nierenstation war, noch vor den ersten Nierentransplantationen, als wir nur etwa 3 von 50 Patienten mit chronischem Nierenversagen einen Dialyseplatz anbieten konnten. Ich wäre sogar beinahe vor etwa 50 Jahren bei einer Nierentransplantation von einem Zwillingsbruder auf den anderen tätig geworden, hätte sich nicht bei der IVP (wie wir diese Untersuchung damals bezeichneten) herausgestellt, dass der gesunde Bruder eine hufeisenförmige Niere hatte. Ich nehme an, ich war zur damaligen Zeit eine Art Pionier und erinnere mich, dass ich in den 1960er Jahren Verfahren entwickelte, die es mir ermöglichten, in Birmingham in den 60er Jahren Herzuntersuchungen und Wiederbelebungsmaßnahmen vorzunehmen; danach führte ich die moderne Kardiologie in East Anglia ein - indem ich spezielle Stationen für Patienten mit Koronarschädigungen einrichtete und Präventionskliniken etablierte, mich auf Koronar-Arteriografie spezialisierte (so dass wir mit Bypassoperationen beginnen konnten), eine regionale Herzschrittmacher-Bereitschaft aufbaute (eine meiner höchst befriedigenden Tätigkeiten) und in den 1970er Jahren Echokardiographie im Clapworth Hospital einführte, als wir das Potenzial dieser Untersuchungsmethode erkannten.

Aus diesem Einblick können Sie, so hoffe ich, ersehen, dass ich keineswegs dem Fortschritt abgeneigt bin. Ebenfalls bin ich mir dessen bewusst, wie belastend eine chronische Dialyse ist - obwohl ich auch hervorheben muss, wie stark mich einige Menschen beeindruckt haben, die trotz Dialyse beruflich stark engagiert sind (und von einem hochrangigen RAF-Offizier, der gern mit mir flog, bevor er schließlich "auf der Warteliste für eine neue Niere" starb.) Ich habe auch die positiven Veränderungen gesehen, die eine erfolgreiche Nierentransplantation bewirken kann - unter anderem bei einem guten Freund - und ich habe die Enttäuschung miterlebt, die ein Fehlschlag mit sich bringt, manchmal begleitet von Klagen und Kritik an denjenigen, die falsche Hoffnungen geweckt haben.

Nichts von alldem spielt noch eine Rolle für meine jetzige - und mit großer Wahrscheinlichkeit endgültige Einstellung, die, wie Sie aus meinen Veröffentlichungen ersehen können, auf wahrer Wissenschaft beruht und meinem Verständnis von den Pflichten eines Arztes seinen Patienten gegenüber. Das grundlegende Problem ist, dass man keine transplantierbaren Organe - die im Körper eines anderen Menschen noch zehn Jahre funktionieren sollen - von Toten entnehmen kann. Daher die Versuche, zu diesem Zweck den Tod vorwegnehmend neu zu definieren. Alle diese Neudefinitionen des Todes, sowohl die neurologische als auch die derzeitige nach Kreislaufstillstand - sind, wie Shah u.a. es im J Med Ethics letztes Jahr klarstellten, nur legale Fiktionen - zweckgerichtete Erfindungen. Dazu kommen die schrecklichen Dinge, die einige Mitglieder der Ärzteschaft ihren Patienten gewillt sind anzutun, wenn ihr alleiniger Fokus der Zustand der benötigten Organe ist.

Oft habe ich mich gefragt, ob ich falsch liege mit meiner Bewertung der neurologischen Konzepte und Todeskriterien, aber als Konsequenz hat sich meine Überzeugung gefestigt, dass die angemessene wissenschaftliche Haltung (insbesondere im kritischen Bereich des Bewusstseins) ist: "Wir wissen es nicht." Das scheint die Bewertung der neurowissenschaftlichen Gemeinschaft außerhalb der Medizin zu sein, wann immer man sie dazu bewegen kann, sich damit auseinanderzusetzen. Eine maßgebliche Betrachtungsweise ist: "Wissenschaft kann das Bewusstsein nicht messen" - obwohl einige Nobelpreisträger es versucht haben. Wenn und falls sich daran nichts ändert, kann keinesfalls ein Gehirn als tot betrachtet werden, solange es noch durchblutet wird. Wie lange muss man nach dem endgültigen Kreislaufstillstand warten, bevor man die Entscheidung trifft, dass dieses Gehirn tot ist - das ist die Frage, deren zuverlässige Beantwortung wissenschaftliche Forschung benötigt. Es ist selbstverständlich eine komplexe Frage, bei der Variablen wie vorhergehende Nahrung, Temperatur usw. in Betracht gezogen werden müssen. Meine persönlichen Erfahrungen lassen darauf schließen, dass (bei normaler Temperatur) diese Zeitspanne erheblich länger sein muss als die Zeitspanne, die zur Zeit bei Organentnahmen nach DCD [Tod nach Herzstillstand] eingehalten werden muss. (Ich habe einmal einen Neurologen nach etwa 40 Minuten Herzstillstand - währenddessen eine Herzmassage durchgeführt wurde - wiederbelebt, und er konnte wieder als Arzt arbeiten.)

Ich stelle mir auch die Frage, warum ich immer noch, nach ziemlich genau 35 Jahren, mit wenig Erfolg versuche, die Wahrheit über Organtransplantationen zu verbreiten. Zuerst motivierten mich die falsche Wissenschaftlichkeit dazu und die begriffliche Unredlichkeit, mit der Gehirne als "tot" bezeichnet werden, obwohl nur kleine Teilbereiche untersucht wurden. Im Laufe der Zeit entwickelte sich als mein stärkstes Motiv die Besorgnis, dass Menschen in einer sehr verletzlichen Lage von den Befürwortern des Hirntod-Konzepts betrogen werden - und anscheinend um jeden Preis - mit dem Ziel, mehr Organe für die Transplantationsmedizin zur Verfügung zu haben. Ich hege ernste Zweifel, ob diese Millionen von Menschen, deren Namen im Register des National Health Service gespeichert sind, voll und ganz verstehen, wozu sie ihre Einwilligung gegeben haben, und in dem sie angekreuzt haben, dass sie ihre Organe "nach dem Tod" zur Verfügung stellen. Für den Fall, dass sie nicht verstanden haben, dass sie zu diesem Zweck für tot erklärt wurden - aufgrund von umstrittenen Kriterien, welche in den USA nicht anerkannt werden und die im Gegensatz stehen zu den überlieferten Todeskriterien, wie sie allgemein verstanden werden, dann wurden sie durch die Formulierung irregeführt, so dass ihre Zustimmung ungültig ist. Wenn Eltern nicht klar und deutlich und mit Worten, die sie in ihrem Schockzustand verstehen können, darüber aufgeklärt werden, dass ihre "hirnstamm-toten" Kinder (obwohl sie mit Medikamenten ruhiggestellt wurden, um einen Eingriff zu ermöglichen) während der Organentnahme Schmerzreaktionen aufweisen, dann wurden sie bewusst durch Auslassen getäuscht. Ich hätte niemals zugelassen, dass eines meiner Kinder als Organspender hätte genutzt werden können. Das wäre für mich der Bruch des absoluten Vertrauens gewesen, das ein Kind seinen Eltern entgegenbringt. Ich kann mir keine Eltern vorstellen, die - in voller Kenntnis der Fakten, wie ich sie habe - es zulassen würden, dass ihr Kind im Sterben so missbraucht wird. Die Tatsache, dass manche Eltern dazu überredet wurden, dem zuzustimmen, lässt mich zwingend zu dem Schluss kommen, dass sie nicht umfassend und ehrlich aufgeklärt wurden.

Was die Entnahme von Nieren und Teilen der Leber betrifft, kann ich nur feststellen, dass ich nicht nachvollziehen kann, wie ein Arzt einen Patienten behandeln kann, nicht um ihm zu helfen, sondern um ihm zu schaden.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr David Evans
emeritierter fachärztlicher Berater für Kardiologie, Papworth & Addenbrooke's Hospital
 

Einige wichtige Quellenangaben:
1. Evans DW, Lum LC. 1980. Cardiac transplantation. Lancet 1, 933-4
2. Evans DW, Lum LC. 1980. Brain death. Lancet 2, 1022
3. Evans DW. 1982. Heart transplants : some observations and objections. Cambridge Review 103,338-9
4. Evans DW, Hill DJ. 1989. The brain stems of organ donors are not dead. Catholic Medical Quarterly 40, 113-121
5. Evans DW. The demise of 'brain death' in Britain. 2000. In Beyond brain death - the case against brain based criteria for human death. Eds. Potts M, Byrne PA, Nilges RG. Kluwer Academic Publishers, 139-158
6. Potts M, Evans DW. 2005. Does it matter that organ donors are not dead? Ethical and policy implications. J Med Ethics 31, 405-9
7. Evans DW. What is 'brain death'? A British physician's view. 2006. In Finis Vitae. Ed. De Mattei R. Rubbettino, 99-105
8. Evans DW. 2007. Seeking an ethical and legal way of procuring transplantable organs from the dying without further attempts to redefine human death. 2007. Philosophy, Ethics& Humanities in Medicine 2:11 (doi:10.1186/1747-5341-2-11)
9. Potts M, Evans DW. 2008. Is solid organ donation by living donors ethical? The case of kidney donation. In Organ transplantation : ethical, legal and psychosocial aspects. Eds. Weimar W, Bos MA, Busschbach JJ. Pabst Science Publishers, 377-81
10. Potts M, Verheijde JL, Rady M, Evans DW. 2010. Normative consent and presumed consent for organ donation: a critique. J Med Ethics 36, 498-9
11. Evans DW. 2012. Brain stem death and organ transplantation. Catholic Medical Quarterly - in Press
 


Dr. David Hill

Picture David HillSehr geehrte Delegierte,

ich bedanke mich sehr herzlich für Ihre Einladung, um die "Würde der Organspende" zu beleuchten. Leider kann ich wegen einer anderen Verpflichtung nicht kommen. Ich muss auch feststellen, dass mich - obwohl meine Sorge über die Art und Weise, wie wir Organe von den für tot definierten Patienten zum Zweck der Organentnahme erlangen, und mein Verlangen nach Wahrhaftigkeit unvermindert andauern - der Kampf darum nach über 40 Jahren ermüdet.

Als Senior Registrar (Assistenzarzt mit Forschungsaufgaben) hatte ich mit einigen der ersten Transplantationen zu tun und später als beratender Anästhesist und war Zeuge von einigen schrecklichen Vorgängen. Dazu gehörte ein Kind, das für tot erklärt worden war und seine Leber einem "Empfänger"-Kind spendete, wobei das "Spender"-Kind das "Empfänger"-Kind überlebte; ein erwachsener "Spender", der vor der Organentnahme zu atmen begann und noch lebte und wieder auf der Intensivstation lag, als seine Angehörigen am nächsten Tag kamen, um den Totenschein abzuholen; und noch etwa ein Dutzend anderer Fälle, bei denen der Todeszeitpunkt erst einige Stunden nach Beginn der Organentnahme festgelegt wurde - nach Stillstand der Beatmung und des Kreislaufs... Zweifellos wird man sagen, dass der Todeszeitpunkt falsch eingetragen wurde und so etwas heute nicht mehr geschehen könne, aber die Erinnerungen bleiben, so wie auch die Probleme bleiben.

Es gibt keine international einheitliche Festlegung für die Diagnose "Hirntod", und in Großbritannien (wie Pallis erklärt) ist für die Diagnose "Hirntod" nur die Überprüfung von einigen Kubikzentimetern Gewebe im Hirnstamm erforderlich. Jede andere Aktivität in höheren Hirnregionen wird nicht untersucht, nicht berücksichtigt.

Lebende Organe können nur von Lebenden entnommen werden. Der Tod wird normalerweise mit einer Leiche assoziiert, ohne Atem, kalt, grau, ohne Puls, steif - und nicht mit einem warmen, rosigen, atmenden (wenn auch künstlich beatmeten), reagierenden "Spender" mit Herzschlag, und dennoch ist es nicht verpflichtend, diesen anderen Zustand den Menschen zu erklären, wenn sie auf dem Formular ankreuzen sollen, dass ihre Organe "nach dem Tod" entnommen werden. Zunehmender Druck wird weiterhin ausgeübt, um eine "Zustimmung" zu erhalten, die man keineswegs als "informierte Zustimmung" bezeichnen kann, oder, wenn dieser Weg nicht zum Erfolg führt, wird jeder Anschein fallengelassen und mehr Zwang ausgeübt.

Es ist zweifelsfrei dokumentiert (1), dass Patienten, die als hirnstammtot diagnostiziert worden sind (BSD), auf das Trauma des chirurgischen Eingriffs wie bei jeder anderen Operation mit erhöhtem Blutdruck, mit Herzrasen und Bewegungen reagieren, paralysiert werden und mit einer Art Anästhesie zur Sicherheit ruhiggestellt werden. Weder die "Spender" noch ihre Angehörigen brauchen darüber informiert zu werden, noch wird auf der Organspende-Karte oder im Organspende-Register Anästhesie angeboten oder garantiert.

In früheren Zeiten nahm ich an Konferenzen teil, bei denen, trotz Behauptungen des Gegenteils, Spender und Empfänger im Publikum waren. Sie [Dr. Gardiner] deuten in Ihrer Eingangsbegrüßung warnend an, dass es einfach nicht möglich sei, diejenigen, die selbst oder als Familienmitglied in die Transplantationsmedizin verwickelt sind, mit der Wahrheit über diese fragwürdige Vorgehensweise zu konfrontieren. Vielleicht wäre "Irreführung Organtransplantation" ein geeigneterer Titel gewesen.

Die ethischen Probleme liegen nicht so sehr darin, dass menschliche Organe für die Transplantation genutzt werden, als vielmehr in der Weise, wie lebenswichtige Organe gewonnen werden. Augenhornhäute können zum Beispiel noch viele Stunden nach dem herkömmlichen Tod und nach Beendigung aller lebenserhaltenden Maßnahmen entnommen und erfolgreich transplantiert werden. Nieren können erhalten werden und ihre Funktion nach kürzerer Zeit wieder aufnehmen. Andere lebenswichtige Organe wie Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse u.a. müssen entnommen werden, während die lebenserhaltenden Maßnahmen aufrecht erhalten werden und Lebenszeichen (Herzschlag, Kreislauf, Atmung (obwohl mit Hilfe eines Beatmungsgeräts), Verdauung, Ausscheidung, sogar Austragen einer Schwangerschaft (2) und Reaktionen auf Schmerzreize weiter vorhanden sind.

Potenzielle Spender sind höchstwahrscheinlich nicht mit den neurologischen Einzelheiten vertraut, aber werden wahrscheinlich Fr. Laurences Beschreibung von Julias Tod (3) wiedererkennen:

    "kein Pulsschlag
    wird diesen natürlichen Ablauf aufhalten, sondern enden:
    Keine Wärme, kein Atem werden bezeugen, dass du lebst;
    Die Röte deiner Lippen und Wangen wird verbleichen
    Zu perlenfarbiger Asche; deine Augenlider fallen
    Wie der Tod, wenn er den Tag des Lebens schließt;
    Alles wird ohne biegsame Lenkung
    Steif und starr und blass erscheinen, wie der Tod"

    Romeo & Juliet Act 4, Scene 1

Es tut mir leid, wenn Sie enttäuscht sein sollten, und ich hoffe sehr, dass zumindest einige dieser Punkte zur Sprache gebracht werden.

Mit Dank und freundlichen Grüßen

Ihr David J Hill
ärztlicher Gutachter für Anaesthesie im Ruhestand
 

Zitate:
(1) Wetzl RC et al Hemodynamic responses in brain dead organ donor patients.&Analgesi Anesthesia & Analgesia 1985, 64; 125-128
(2) Brain dead woman gives birth. Br Med J 2006, 335; 1468.
(3) Shakespeare W Romeo & Juliet. Act 4, Scene 1.

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