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Neues zum Thema Organspende, Transplantation und Hirntod

20.09.11: Bewusste Irreführung durch die Gleichsetzung von "Hirntod" und Tod

In der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" 20-21/2011 vom 16. Mai 2011 (Beilage zur Wochenzeitschrift "Das Parlament") fassen die beiden Wissenschaftlerinnen Anna Bergmann und Sabine Müller die aktuelle internationale Kritik von renommierten Wissenschaftlern am Hirntod-Konzept zusammen.

Anna Bergmann, Professorin der Kulturwissenschaften, beschreibt in ihrem Artikel "Organspende - tödliches Dilemma oder ethische Pflicht? - Essay" die Entstehung des Hirntodkonzepts, die wachsende Kritik daran und die Versuche, trotz aller Gegenbeweise an der Praxis der Organentnahme festzuhalten: "...So erklärten der renommierte Professor für Anästhesiologie und medizinische Ethik Robert D. Truog und der Professor für Bioethik Franklin G. Miller im Jahr 2008: "Die Begründung dafür, warum diese Patienten [Hirntote, A.B.] für tot gehalten werden sollen, war nie ganz überzeugend. Die Hirntoddefinition erfordert den kompletten Ausfall aller Funktionen des gesamten Gehirns, dennoch bleiben bei vielen dieser Patienten wesentliche neurologische Funktionen erhalten.(25) In einem weiteren Artikel postulieren Truog und Miller eine Alternative zur "Tote-Spender-Regel" und fragen, wie es ethisch zu begründen sei, "Organe von hirntoten Patienten zu entnehmen, wenn sie nicht wirklich tot sind."(26) Sie entbinden die Explantation vom Tötungsverbot und erklären: Es sei nicht ganz falsch, im Zusammenhang der Organgewinnung von einem "justified killing" zu sprechen. Nur würde diese Rhetorik die Transplantationsmedizin kompromittieren. Die "Tote-Spender-Regel" könne jedoch fallengelassen werden, ohne dass Transplantationsmediziner sich eines Verbrechens schuldig machten.(27)

(25) Robert D. Truog/ Franklin G. Miller, The Dead Donor Rule and Organ Transplantation in: The New England Journal of Medicine, 359 (2008) 7, S. 674
(26) Dies., Rethinking the Ethics of Vital Organ Donations in: Hastings Center Report, 38 (2008) b, S. 41
(27) Vgl.ebd., S.42

Sabine Müller, Medizinethikerin und Physikerin, fordert am Ende ihres Beitrags "Wie tot sind Hirntote? Alte Frage - neue Antwort": "…Es sollte sicher ausgeschlossen werden, dass potenzielle Organspender gegen ihren Willen durch die Organentnahme getötet werden und dabei leiden. Daher sollten EEG, Angiographie und in ungeklärten Fällen funktionelle Bildgebung sowie Vollnarkose für die Entnahme gesetzlich vorgeschrieben werden. Eine Organentnahme sollte nur erlaubt sein, wenn ein schriftliches Einverständnis vorliegt. Das bedeutet, dass die in Deutschland geltende erweiterte Zustimmungslösung ersetzt werden sollte..."

Wie lässt sich angesichts dieser naturwissenschaftlichen Tatsachen begründen und verantworten, dass der Deutsche Bundestag noch in diesem Jahr - 2011 - die Erklärungslösung bei Organspenden einführen will, ohne uns Bürgerinnen und Bürger über die juristische und medizinische Irreführung durch das Hirntod-Konzept zu informieren?

Bei der Erklärungslösung gibt es drei Vorschläge, in welches Dokument die Bürgerinnen und Bürger ihre Willenserklärung zur Organspende eintragen lassen sollen: in den Personalausweis, den Führerschein oder in die geplante elektronische Gesundheitskarte. Folgende Angaben wären demnach möglich: ja/ nein/ keine Angabe.

Bisher ist ungeklärt: Können wir eine Eintragung jederzeit kostenfrei ändern lassen? Ist eine umfassende und neutrale Beratung zum Thema Organentnahme beim Einwohnermeldeamt, der Führerscheinstelle oder beim Arzt gewährleistet? Wie wird verhindert, dass andere Einblick in diese Willenserklärung erhalten (Datenschutz)? Kann es sich nachteilig auswirken, eine Organentnahme abzulehnen?

Wir bitten unsere Bundestagsabgeordneten, ihrem eigenen Gewissen zu folgen und sich zu fragen: Dürfen wir Sterbende im Hirnversagen als Ressource für andere betrachten und behandeln? Würden sie selbst im Ernstfall ein sterbendes Familienmitglied zur Organentnahme freigeben, anstatt diesen Angehörigen auf dem Weg vom Leben in den Tod zu begleiten?

KAO, September 2011

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