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Kommentar zum Geistlichen Wort des Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Dr. Nikolaus Schneider

von Erdmute Wittmann, Pfarrerin i.R., hier veröffentlicht 21.12.12

In dankenswerter Weise hat der Vorsitzende der EKD Dr. h.c. Nikolaus Schneider in seinem geistlichen Wort vom 27.11.12 klar gemacht, dass in der Frage der Organspende die Freiheit des Gewissens nicht eingeschränkt werden darf. Damit rückt er offensichtlich ab vom Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentages Dr. Frank-Walter Steinmeier, der "den Menschen mehr auf die Pelle rücken will" und damit ungeniert die Absicht kundtut, dass die Bürger sehr wohl bedrängt werden sollten. Allerdings vermisst man auch bei den Äußerungen des EKD-Vorsitzenden eine kritische Distanz zu der Neuregelung des Transplantationsgesetzes, das die Krankenkassen verpflichtet, den Versicherten zu bedrängen. Auch dass der Gesetzgeber bereits junge Menschen ab 16 Jahren zu einer so schwer wiegenden Entscheidung bewegen will, ist offensichtlich kein Problem.

Im Gegenteil, durch denin eine in Information gekleideten Hinweis,dass viel mehr Spenderorgane gebraucht als gespendet werden, wird doch wieder subtil die moralische Daumenschraube angezogen. Denn welch andere Funktion soll diese Information- inzwischen medial sattsam bekannt gemacht -, haben, als die, dass sich der Christenmensch nicht ganz frei von Schuld fühlen soll, wenn er im Gebrauch seiner Gewissensfreiheit zu denen gehört, die den Organmangel verursachen.

Die Empfehlung "in aller Ruhe" zu überlegen, hat nur einen Sinn, wenn auch ein Wort darüber verloren wird, dass eine Phalanx aus Transplantationsmedizinern, Politikern, Gesundheitsministerium, Krankenkassen den harmlosen Bürger mit manipulativer Sprache sachte übertölpeln. Immerhin hat das geistliche Wort einige Fragen formuliert, die dann allerdings doch nicht an den Kern der Hirntodproblematik rühren. Interessant bleibt letztlich, welches Bild von der Transplantationsmedizin im Kopf des Adressaten entsteht durch das, was nicht angesprochen wird.

Dass sich allerdings der Vorsitzende zu der Behauptung versteigt, die Entnahme von Organen verletze nicht die Würde des Menschen, ist nicht mehr hinnehmbar. Bereits das normale Sterben, wenn sich unwillkürlich noch einmal Darm oder Blase entleeren und das rasselnde Röcheln aus dem offenen Mund das Sterbezimmer erfüllt,wäre vielfach würdelos, würde es nicht von fürsorglichen Angehörigen oder Pflegepersonen mit Liebe umhüllt. Bei der Organentnahme aber liegt der noch-nicht-ganz-tote Mensch auf einem von kaltem Licht erleuchteten OP-Tisch und wird vom Hals bis zum Schambein aufgeschnitten. Bei schlagendem Herzen schneidet man ihm die Organe aus seinem Leib und unterdrückt unerwünschte Reflexe mit einer muskelentspannenden Narkose. Weitere Beschreibungen erspare ich diesem Kommentar, obgleich gerade solche Schilderungen für die Entscheidung pro oder contra Organspende außerordentlich bedeutsam wären. Man fragt sich, woher der Vorsitzende der EKD also weiß, dass die Würde nicht angetastet wird. War er Teilnehmer und Augenzeuge an einer Explantation? Oder bricht hier ganz plötzlich doch wieder der Drang zur Werbung auf, der sich durchsetzt gegen alle Aufklärung?

Daher darf man gespannt sein, was der Rat der EKD als gründliche Ausarbeitung zur Transplantationsmedizin herausgeben wird, nachdem landauf - landab Kirchenleitungen das Gebot der Nächstenliebe den Christenmenschen bereits ans Herz gelegt haben, ohne zu merken, dass sie eine utilitaristische Ethik unterstützen.

Es mag gewiss solche heldenhaften Menschen geben, die einen Tod auf dem Operationstisch unter den Messern der Explanteure bewusst in Kauf nehmen. Aber sie und ihre Angehörigen dürfen nicht im Unklaren darüber gelassen werden, was sie auf sich nehmen. Alles andere ist ethisch nicht verantwortbar.

Ein Theologe braucht offensichtlich zur Unterfütterung seines geistlichen Wortes ein Bibelzitat. Wie allerdings das Gebet eines Menschen, dem klar wird, dass man im Gewissen vor Gott nicht fliehen kann, in eine "Verheißung Gottes" an den Menschen verwandelt werden kann, bleibt vermutlich für immer das Geheimnis kirchenleitender Interpretationskunst.

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